Die Kunsthalle ist bis auf weiteres wegen der Corona-Eindämmungsverordnung geschlossen.

Dodo (Dörte Clara Wolff)

* 10. Februar 1907 in Berlin
† 22. Dezember 1998 in London

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

Sprühende Funken bahnen sich ihren Weg durch den nachtblauen Himmel über der Großstadt. Überraschend unbeeindruckt begleiten fünf Schaulustige in eleganter Garderobe das Spektakel am Flussufer. Ihre blasierten Blicke gehen einfach am Geschehen vorbei. Doch was auch immer die Aufmerksamkeit der feinen Societé auf sich ziehen mag: Es scheint sie ohnehin noch weniger zu amüsieren, als jene lichterlohe Attraktion, die dem Karton von Dörte Clara Wolff, besser bekannt als Dodo, ihren Namen leiht. Die Gouache Feuerwerk (1929) steht exemplarisch für die etwa 60 Gesellschaftsstudien der Künstlerin, die sie von 1927 bis 1929 für den Ulk anfertigt, darunter acht Titelbilder und elf großformatige Doppelseiten.

Zu dem satirischen Wochenblatt der Berliner Tagespresse gelangt die Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie nach ihrer Ausbildung im Zeichnen und Entwerfen an der privaten Kunstschule Reimann in Schöneberg. Nebenbei arbeitet sie als Modegrafikerin und gestaltet unter anderem die Bühnenkostüme für die noch unbekannte Marlene Dietrich und Margo Lion in Spolianskys und Schiffers Warenhaus-Revue Es liegt in der Luft, die im Jahr 1928 in der Komödie am Kurfürstendamm uraufgeführt wird – in den ehemaligen Räumen der Berliner Secession, die im Herbst 2018 abgerissen werden sollen. Wie das Musiktheater bringt Dodo in ihren Gouachen das Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger zugespitzt auf den Punkt. 

„Es liegt in der Luft was Idiotisches, es liegt in der Luft was Hypnotisches.“ Die Verse des Titelliedes können dem Feuerwerksstück ebenso wie der teilnahmslosen Opernbesucherin aus In der Loge (1929) eine treffende Bildunterschrift spendieren. Ob in den Varietés, Bars, Cafés oder Parks: In leuchtenden Farben setzt die Künstlerin das glamouröse Großstadttreiben der vergnügungsberauschten High Society in Szene. Dabei verbindet sie den nüchternen Stil der Neuen Sachlichkeit mit der schmalen Liniatur des Art Déco und persifliert unter dem Rückgriff auf die Karikatur die oberflächliche Welt ihres hochnäsigen Bildpersonals. Als Sinnbild für die eigene Geisteshaltung und die gesellschaftlichen Umwälzungen der Zeit avanciert dabei die emanzipierte „Neue Frau“ zum bevorzugten Motiv. Das Ende der Narrenzeit (1929) fällt schließlich zusammen mit der Weltwirtschaftskrise und Dodos erster Hochzeit. Der jüdische Jurist Hans Bürgner schenkt ihr zwei Kinder. Nachdem sie sich wegen eines anderen Mannes scheiden lässt, heiratet sie ihn 1945 ein zweites Mal. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten arbeitet sie nur noch für jüdische Publikationen, bis sie 1936 nach London emigriert. Im Exil fertig sie Illustrationen für Kinderbücher und Gebrauchsgrafiken an, in der Nachkriegszeit entstehen Landschaften, Stillleben und Akte sowie Tapisserien. An die glanzvollen Tage ihrer kurzen künstlerischen Karriere kann sie jedoch nicht mehr anknüpfen, bis sie 91-jährig in London verstirbt. 

Ihr Werk gerät in Vergessenheit – und dennoch steht es exemplarisch für die illustrative Kunst der Weimarer Republik und auf Augenhöhe mit den Arbeiten von Kollegen wie Jeanne Mammen oder Rolf Niczky. Entsprechend euphorisch wird ihre Wiederentdeckung im Jahr 2012 zur Kenntnis genommen. „Endlich dürfen wir sie sehen“, bejubelt die FAZ Dodos erste große Werkschau in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. Seither sind ihre Arbeiten europaweit zu sehen, der Ausstellung Glanz und Elend in der Weimarer Republik in der Schirn Kunsthalle (2017/18) leiht sie gar das Titelbild, was einmal mehr ihren künstlerischen Rang verdeutlicht. Als Teil der vielbeachteten Frankfurter Schau und als Cover der ersten Werkmonografie erlangt auch das Feuerwerk seine verdiente Beachtung.

Katharina Lorenz