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Herta Günther

* 9. Mai 1934 in Dresden
† 17. Juni 2018 in Dresden

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

Eine schwarze Schiebermütze ruht auf einem roten Haarschopf und einzelne Strähnen klemmen hinter dem perlengeschmückten Ohr. Sie rahmen das Profil eines Frauenkopfes. Dunkle Augenringe und kirschrote Lippen kontrastieren die fahle Blässe der Haut. Die Wartende mit Zigarette (1990) sitzt am Tresen eines Cafés. Ihrem leeren Gesichtsausdruck ist zu entnehmen, dass sie dem, was auf sie zukommen mag, eher leidenschaftslos entgegensieht: Womöglich erwartet sie nicht etwa eine Liebschaft, sondern bloß den nächsten Geschäftstermin. 

Die Szenerie steht exemplarisch für das Werk von Hertha Günther. Bars, Cafés und Gartenlokale, Jahrmärkte, Straßen und Boulevards, Theatersäle, Zirkusmanegen und Maskenbälle: Sie bilden die Kulissen für die Darstellungen oftmals fülliger weiblicher Körper in eleganter Garderobe – oder ausgesprochen natürlicher Nacktheit. Mit mal naivem, mal nüchternem und mal komödiantisch überspitztem Blick würdigt die Dresdner Malerin und Grafikerin die „Einsamen, Gestrandeten und vom Leben Enttäuschten“ (Fred Reinke), indem sie sie vom Rande der Gesellschaft ins Zentrum ihres anekdotischen Bildgeschehens rückt. 

Ihre Kindheit und Jugend sind nach dem Krieg durch die „Geburtswehen“ der DDR geprägt. Schon früh interessiert sie sich für Literatur, besucht die Oper und das Schauspielhaus. Nach einer Ausbildung zur Grafikerin studiert sie zu Beginn der 1950er Jahre an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. 1960 heiratet sie den aus Halle stammenden FRÖSI– und ATZE-Zeichner Jürgen Günther. Ihr Werk umfasst Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen, Farbgrafiken sowie Pastelle und sie ist seit 1972 an den Kunstausstellungen der DDR beteiligt. Heute sind ihre Arbeiten mit der Dresdner Galerie Neue Meister, dem Altenburger Lindenau-Museum und dem Leipziger Bildermuseum in wichtigen ostdeutschen Sammlungen vertreten. 

Die karikatureske Typisierung ihrer Figuren durch eine schroffe Kontur und grelle Farbigkeit seit den 1960er Jahren versteht Reinhard Leipert als künstlerische Reflektion der politisch forcierten Entindividualisierung im Sozialismus. Abgesehen von solch übergeordneten Interpretationen finden sich die Zeichen der eigenen Gegenwart in Herta Günthers Arbeiten nur selten. Vielmehr scheint sie stilistisch und motivisch einer längst vergangenen Epoche verpflichtet: Mit Elementen des filigranen Art Déco und spitzfederigem Verismus erinnern Cafégäste wie die Wartende, Flaneurinnen oder Revuegirls durchaus an die Illustrationen von Jeanne Mammen oder Dodo aus den 1920er Jahren.

Immer wieder wird neben Rousseau und Toulouse-Lautrec vor allem die Nähe zu Beckmann, Schad, Grosz und nicht zuletzt Otto Dix betont. Die Verortung in der neusachlichen Bildtradition scheint nicht abwegig: So zählen einerseits der Dix-Schüler Theo Richter zu ihren Lehrern und der Dix-Monograph Fritz Löffler seit 1971 zu ihrem engeren Umfeld. Andererseits fällt der Beginn ihrer künstlerischen Sozialisierung mitten in die Nachkriegszeit. Wenngleich nicht im selben Maße ausgeprägt, so zeigt sich Dresden doch von einer Aufbruchsstimmung erfüllt, die ihren Chronisten mit dem wieder erblühenden Großstadtleben durchaus vergleichbare Motive schenkt wie einst die Weimarer Republik.

„Es kommt ein Lebensgefühl zum Ausdruck, das in der Stadt immer noch etwas Besonderes sah – trotz der Zerstörung. Das Leben selbst tobte in den erhaltenen Geschäftsstraßen sowie Gaststätten, Cafés und Weinschenken.“ (Lisa Werner-Art) Genau dort findet Herta Günther ihre Inspiration. Allerdings zieht sie, anders als die Kollegen aus früherer Zeit, den einfühlsamen Blick mit Augenzwinkern der bitteren satirischen Entblößung vor. Diese Empathie für Stimmung und Wesen ihrer Modelle scheint sich in jeder weichen Linie wiederzufinden, die dem Werk von Herta Günther eine ganz eigene signifikante Handschrift verleiht.

Katharina Lorenz