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Sarika mit Zigarette

Max Beckmann

1922

 

Sarika oder Der Augenblick

Das Gesicht war ein Traum, davon kann man jetzt ausgehen. Kaum wahrgenommen, schon wieder verschwunden. So taucht es auf aus dem Weiß hinter den Augen, aus dem Rauchfaden, der von meiner Zigarette aufsteigt und für einen Moment gerade in der Luft steht. Plötzlich, zu spiraligen Kräuseln gedreht, entsteht ein Gesicht. Es sieht freundlich aus. Als ob es darauf gewartet hätte. Kennen wir uns? Sarika ist ihr Name. Ich weiß es, ohne dass ich ihn vorher gehört hätte. Kann sein, ich bin ihr schon mal begegnet. Sie stand in unserer Runde und hörte nur zu. Aber sie gehörte nicht zu uns, sie war einfach dabei. Sie war aber auch nicht fremd. Ich weiß nicht, ob sie etwas verstand von unseren Witzen und Gemeinheiten. Aber an den Witzen und dem Lachen konnte man mühelos erkennen, wie es um uns bestellt war. Aber sie ließ sich nichts anmerken. Wahrscheinlich war das der Grund, warum sie so teilnehmend und ausdauernd lächelte, und ihr Blick sagte ständig nur „Ja“.

So stand sie zufrieden da, zufrieden mit nichts in diesem Augenblick. Aber zugleich beiläufig, in Pflichtstellung, als ob sie weder uns noch mich zum ersten Mal sah. In ihrer Aufmerksamkeit war etwas Wichtiges, übergeordnet, höherer Auftrag. Was Handfestes. Wie eine Krankenpflegerin. Oder eine Bittstellerin. Wenn wir vor Lachen brüllten oder gierig unsere Gläser stürzten, blieb das Lachen immer gleich. Dazu schnippte sie teilnehmend Asche von ihrer Zigarette, die sie immer in derselben Haltung hielt, mit angewinkeltem Arm. Die Glut ihrer Kippe war ihr drittes Auge. Sie brachte sie mit leicht zurückgelegtem Kopf zum Funkeln, und der Rauch, den sie ausblies, war ihr Kommentar. Ja, sie war hilfsbereit. Aber es gab niemanden, dem man helfen konnte. Sie beobachtete mich. 

Seitdem glaube ich, dass es sie gibt. Wir sprachen miteinander. Oder ich redete mit ihr. Sie stellte sich mit Vornamen vor. Wenn jemand wie sie einen Nachnamen hatte, durfte er nicht genannt werden. Ich werde sicher niemals das Namensschild an ihrer Haustür sehen, wo immer sie herkommt.

Ich sagte, ich wisse schon. Sie zog eine Braue hoch, ohne ihr Lächeln abzustellen, und glaubte wohl, ich mache Witze. Wir rauchten zusammen und steckten in derselben Haltung fest mit angewinkeltem Arm, in dessen Beuge die andere Hand ruht. Ich merkte, dass ich viel zu viel redete, dass ihr Gesicht und ihr Lächeln meinen ganzen Unsinn aus mir herauszogen und ich mich dabei wollüstig fühlte und erregt, weil ihr nichts davon neu war. Sie war dafür da. Ja, sie durchschaute meine Geschichtchen in einer Minute. Sie kannte sie vorher, sie steckte in mir drin. Ich gab ihr nur, was sie wollte. Am liebsten wollte ich verschwinden. Ich drehte mich um, trank ein Glas, grüßte in die Runde und suchte sie um ihr, weiß der Teufel warum, die Hand zu schütteln. Aber sie stand schon bei einer anderen Gruppe und beobachtete sie, während sie redeten und lachten, und gab ihre Hand nicht her. 

 

Carsten Probst

In: Bizarre Begegnung. Bilder schauen dich an. Porträts aus der Sammlung Brabant. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 11. Juli – 8. November 2009 im Stadtmuseum Penzberg