Abendöffnung bis 23 Uhr zur Finissage der Ausstellungen "Guy Bourdin. Pariser Avantgarde der Nachkriegszeit" und "Özer Hüseyin. Junge Mode zwischen Orient und Okzident" am Freitag, dem 30. Oktober 2020 Erweiterte Öffnungszeiten seit dem 5. Mai 2020: Mi-Fr 12 bis 19 Uhr und Sa/So/Feiertage 14 bis 18 Uhr.

Günter Rössler – AugenBlicke

Fotografie und Dokumente

Günter Rössler hat die Geschichte der deutschen Fotografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich mitgeprägt. Seine Fotografien sind spannende Zeitdokumente und einzigartige Kunstwerke. Bekannt wurde Rössler, der 1926 in Leipzig geboren wurde, vor allem durch seine Aktfotografie. Seine erste Aktausstellung – 1979 im Kunsthaus Grimma – erregte in der DDR Aufsehen. Mit ihr führte er die Aktfotografie als ernsthafte und eigenständige Kunstform in die öffentliche Diskussion der DDR ein. Es sind stille, kraftvolle Bilder, deren Zeitlosigkeit und hoher ästhetischer Anspruch den Betrachter berühren.

Von 1954 bis 1990 arbeitete er überwiegend für DDR-Modemagazine wie Modische Maschen und Sybille sowie die Monatszeitschrift Das Magazin. Diese regelmäßige Präsenz seiner Arbeiten machten ihn in der DDR zu einem der bekanntesten Fotografen. Als 1984 der Playboy unter dem Titel “Mädchen der DDR” einen zehnseitigen Beitrag mit Fotos von Günter Rössler veröffentlichte, machte es den Fotografen auch in der Bundesrepublik Deutschland schlagartig bekannt.

Doch Günter Rössler nur auf seine Aktfotografien zu begrenzen, wäre oberflächlich. Seine Modefotografien und Reportage-Arbeiten verdienen selbige Anerkennung, auch wenn sie im Schatten seiner Auseinandersetzung mit dem Akt stehen. Als Mode- und Reportagefotograf war er nicht nur Chronist, sondern vor allem ein Entdecker, ein Neugieriger, ein Forschender, ein Mutiger, ein Wegbereiter. Die serbische Mutter vor dem Bild ihres gefallenen Sohnes (1960) berührt und lässt den Schmerz einer Mutter um ihren Sohn auch noch 60 Jahre nach dem Entstehen des Bildes spüren.

Zwischen Rösslers Porträtfotos und den Modefotos scheinen die Grenzen fließend. Es sind inszenierte Aufnahmen. Die Inszenierung erfolgt zwar nie als Pose, doch der Ablauf ist geplant. „Denken, plaudern, beobachten – das Auslösen ist der letzte Akt“ … „Das Einfache ist ein wichtiger Bestandteil meiner Bildvorstellung. Das Einfache, das oft so schwer zu machen ist“ (Günter Rössler)

Ganz im Unterschied dazu seine Aktfotografien, in denen er die Inszenierung zu vermeiden sucht. Ganz anders als Helmut Newton (auch wenn Rössler nach dem Playboy-Artikel als Newton des Ostens gehandelt wurde), dessen Aufnahmen seine eigene Projektion von Erotik sind, gibt Rössler seinen Modellen Raum, ihre persönliche Erotik auszudrücken. Damit lässt er ihnen Selbstbestimmung und Individualität. So fokussiert Rössler auf das Innenleben seiner Modelle, wobei er zum Gedankenleser wird. Es ist der Versuch, Unsichtbares und Verletzlichkeiten sichtbar zu machen und so ist es gerade die Nacktheit seiner Modelle, die dies auf besondere Weise nachempfindbar macht. Die Ausstellung in der Kunsthalle “Talstrasse“ will Günter Rössler in der ganzen Breite seines Schaffens vorstellen und dabei das Hauptaugenmerk auf jenen Rössler richten, der weniger bekannt ist.

Als Rösler 2013 verstarb, hinterließ er hunderte von Abzügen, oft im Zusammenhang mit Layouts, Vorstudien und späteren Abdrucken in diversen Zeitschriften. Unsere Ausstellung will möglichst viel von diesem Material zeigen und einen sensiblen Künstler vorstellen, der für seine Arbeit lebte. Ermöglicht werden kann dieses Projekt nur durch die enge Zusammenarbeit mit Günter Röslers, Frau Kirsten Schlegel. Sie wird dem Projekt maßgeblich beratend zur Seite stehen.

Beabsichtigt ist auch den 90-minütigen Dokumentarfilm „Die Genialität des Augenblicks“ von Fred R. Willitzkat in die Ausstellung einzubinden. Der Film zeigt Günter Rössler als stillen, bescheidenen Menschen, der es schaffte, sich ein Leben lang treu zu bleiben.