Die Kunsthalle ist voraussichtlich bis zum 10. Januar 2021 aufgrund der SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung geschlossen.

Emy Roeder

* 30. Januar 1890 in Würzburg
† 7. Februar 1971 in Mainz

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

Sanft liebkost die Stute ihr soeben erwachtes Fohlen (Stute und Fohlen, 1919), fest schmiegt sich das Kind an das Herz der großen Schwester (Geschwister, 1933/34) und in der Ausstellung blicken Zwei kleine Mädchen (1933) in vertrauter Berührung in die unbekannte Ferne. „Psssst!“ Beinahe ist man geneigt, den Finger an die Lippen zu legen, so notwendig erscheint einem die Stille in der respektvollen Annährung an den intimen Augenblick. In Bronze gegossene Kontemplation, in Stein gehauene Selbstversunkenheit: Die Figuren strahlen eine innere Ruhe aus, die ein Gefühl vom Ursprung des Lebens und der Natur des Seins erahnen lassen.

Mit einem Œuvre von bemerkenswerter handwerklicher und künstlerischer Qualität zählt Emy Roeder zu den wenigen Frauen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgreich im Metier der männerdominierten Bildhauerei behaupten und nachhaltig etablieren. Im Jahr 2010 wird der Berliner Skulpturenfund, bei dem ein Fragment ihrer einst von den Nazis beschlagnahmten Terrakotta-Figur Schwangere (1918) wiederentdeckt wird, den Anstoß geben für eine neue kunsthistorische Rezeption ihres Werks – und ein retrospektiv angelegtes Ausstellungsprojekt, das von 2018 bis 2020 mit ihrem Geburtsort Würzburg, sowie Mainz als Stadt der späten Jahre und ihrer frühen Wirkungsstätte Berlin drei wichtige Stationen im Leben der Künstlerin vereint.

Da die Akademie in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts keine Studentinnen zulässt, entscheidet sich Emilie Julie, genannt Emy, für eine private bildhauerische Ausbildung, zuletzt bei Bernhard Hoetger in Darmstadt, bevor sie 1915 nach Berlin übersiedelt. Gut vernetzt in der Kunstszene der Hauptstadt, heiratet sie ihren Bildhauerkollegen Herbert Garbe, pflegt gute Kontakte zu Käthe Kollwitz, Ernst Barlach und dem lebenslangen Freund Karl Schmidt-Rottluff und tritt der Novembergruppe bei. 1920 erhält sie den Preis der Akademie für die erwähnte Plastik, welche 17 Jahre später als entartet diffamiert werden soll. Bis 1944 weilt Roeder vorwiegend in Rom und Florenz, zeitweise als Villa-Romana-Stipendiatin, bis sie nach der Befreiung Italiens von den Alliierten interniert wird. Erst 1950 kehrt sie nach Deutschland zurück, erhält eine Professur in Mainz, nimmt an der documenta I teil und erfährt zahlreiche Ehrungen. 

Im Mittelpunkt ihres bildhauerischen Nachlasses steht die Frau in verschiedenen Phasen ihres Lebens, etwa als Mädchen, Schwangere oder Mutter mit Kind, weibliche Figuren, die sie oft mit Tüchern, Körben oder Gefäßen ausstattet. Weitere Teile des Werks bilden die vorwiegend paarweise ausgeführten Darstellung von Tieren, die Porträtbüsten enger Freunde sowie zahlreiche Zeichnungen zur Vorbereitung der plastischen Arbeiten. Kennzeichnend ist die strenge Vereinfachung des naturalistischen Körperbildes. Anfangs noch durch eine schwungvolle Dynamik kontrastiert, treten die holzschnittartigen Konturen der Darstellungen seit den vierziger Jahren immer beherrschender hervor. Die reduzierte Form, die natürlichen Materialien und der Verzicht auf zusätzliche Farbigkeit unterstützen den ursprünglichen Charakter der Bildthemen.

Die Werke führen uns eine Welt vor Augen, in der Mensch und Tier ein Dasein voller naturgegebener Anmut, Stolz und Würde fristen, rein um ihrer selbst willen existieren und niemandem Leistung oder Rechenschaft schuldig sind – gleich ­einem paradiesischen Urzustand. Das gewachsene
Interesse an einem vorzivilisatorischen Ideal
wird durch die expressionistische Avantgarde vielfach künstlerisch verarbeitet. In ihrer Selbstversunkenheit führen Emy Roeders Figuren das daran geknüpfte Erlebnis von Überzeitlichkeit jedoch nicht nur vor Augen, sondern vermögen es im Moment des Einfühlens auf den Betrachter zu übertragen. 

Emy Roeders Blick auf die Frau zeigt eine pure, unverfälschte Weiblichkeit, völlig befreit von äußeren Zwängen, Erwartungen und Rollenzuschreibungen in ihrer ganzen Ursprünglichkeit. Einen Menschen mit Körper, Geist und Seele. Ihre drastische Radikalität entfaltet diese Sicht jedoch erst mit der Frage nach der Utopie, die sich künstlerisch in den leisen Momenten des Seins offenbart.

Katharina Lorenz