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Kiki Kogelnik

* 22. Januar 1935 in Bleiburg (Kärnten)
† 1. Februar 1997 in Wien

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

„Great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great, great!“ Nein, Andy Warhols „25-are-better-than-one“-Urteil gilt nicht dem Weltstar Marylin Monroe, sondern einer jungen Künstlerin aus der 4.000-Seelen-Gemeinde Bleiburg in Kärnten. Dennoch will der Komponist Morton Feldman durch sie, „die Liebesgöttin der Pop-Art“, das Erbe der Filmikone fortgesetzt sehen. Und die beiden Herren sind nicht die einzigen, die über die Österreicherin geradezu überschwänglich ins Schwärmen geraten.

Bereits während sie in Wien zunächst an der „Angewandten“ und später an der Akademie der Bildenden Künste studiert, pflegt Kiki Kogelnik die Bekanntschaft zu Maria Lassnig, Arnulf Rainer und Hans Hollein und bewegt sich so in dem avantgardistischen Kreis um Monsignore Otto Mauer. Der Galerist schätzt ihre Freude am „Flitter“, „Tingeltangel“ und „Ringelspiel“ des Wiener Praters, die sie, gepaart mit blühender Farbigkeit, in ihr Leben und schon bald in ihre Kunst integrieren soll – denn beides gehört für sie untrennbar vereint. 1961 richtet der überzeugte Mäzen die erste Einzelausstellung seiner Neuentdeckung aus, bevor die junge Künstlerin auf Rat ihres Freundes Sam Francis nach New York City zieht.

In der Weltmetropole ist sie nicht nur Zeugin des sich anbahnenden Siegeszuges der Pop-Art, sondern mittendrin. Auf Augenhöhe mit den Protagonisten der neuen Avantgarde beteiligt sie sich aktiv an deren richtungsweisenden Ausstellungen. Unter dem Eindruck der schrillen amerikanischen Pop-, Kommerz- und Konsumkultur entwickelt Kogelnik ein bildnerisches Vokabular, das ihr Werk nachhaltig prägen soll. Berühmt ist ihr Name vor allem für die lebensgroßen Körpersilhouetten aus monochromem Vinyl. Ihre Modelle liegen ihr dafür auf dem Atelierboden zu Füßen, darunter Roy Lichtenstein oder Claes Oldenburg. Für die Installationsserie Hangings bügelt sie die Plastikhäute um 1970 wie Konfektionsware auf Kleiderstangen auf.

Geradezu schwerelos treiben die quietschbunten Scherenschnitte zuvor bereits durch ihr malerisches Werk. Ihre Faszination für die unendlichen Weiten des Weltraums spiegelt die Science-Fiction-Begeisterung jener Tage: Star Trek geht erstmals auf Sendung und Raumschiffe und Raketen erobern die Kunst. Durch die gezielte Betonung ihrer phallischen Ästhetik entlarvt Kogelnik die Flugobjekte als Machtsymbole und setzt sie in den farbgewaltigen Dialog mit spezifisch weiblichen Motiven, etwa in der „weltgeschlechtlichen“ Miss Universe (1963), dem Female Robot (1964) oder einem Selbstporträt (1964) mit zerrissenen Hautfetzen und Körperfragmenten vor einer einschlagenden Bombe.

Stets beeinflusst vom aktuellen Geschehen, verleiht Kogelnik ihrer „flirrenden Space Art“ (Annette Tietenberg) mit dem Moonhappening (1969), einem Live-Kommentar zur Mondlandung, einen letzten Höhepunkt. Dahingegen erstarkt das feministische Selbstverständnis der Künstlerin mit dem wachsenden Women’s liberation movement. Während sie die destruktive Projektion gesellschaftlicher Erwartungen auf den weiblichen Körper schon zu Beginn der Sechziger metaphorisiert, gibt sie ihrer Superwoman (1973) zehn Jahre später zur Verteidigung der Frau und ihrer Rechte eine Riesenschere in die Hand. Kluger Feminismus verknüpft mit Wiener Schmäh und New Yorker Coolness: das macht Kogelnik aus und ihr Werk einzigartig.

Ihre offensive Gestik repräsentieren in der Ausstellung die Siebdrucke Beach Ball (1978), Lady with Triangles (1979) und Pink Swim (1979) aus der Serie Woman, mit der sie gegen sämtliche Rollenklischees und Schönheitsideale der Medienwelt rebelliert. Vor dem Hintergrund des ästhetischen und persönlichen Anliegens der Künstlerin erhalten Feldmans Worte umso mehr Schärfe. Denn während man Kogelniks Position im deutschsprachigen Raum endlich zum kunsthistorischen Kanon zählt, verehrt man in den USA statt ihrer Kunst bis heute vor allem ihre modische Extravaganz, ihren quirligen Auftritt und ihr charismatisches Wesen. Und darin teilt sie wohl tatsächlich das Schicksal der Schauspielerin Monroe.

Katharina Lorenz