Rosemarie Rataiczyk
Als Rosemarie Rataiczyk im Dezember 2025 im Alter von fast 96 Jahren starb, hinterließ sie ein eindrucksvolles, in die Gegenwart fortwirkendes, lebendiges Werk. Ein umfangreiches, breitgefächertes Oeuvre, das sich aus Bildteppichen, Ölbildern und graphischen Arbeiten zusammensetzt. Die Resonanz der neuen Gobelin-Schule von Aubusson, die Wiederbelebung des klassischen Bildteppichs in den 1940er und 1950er Jahren, die einem weitverbreiteten Bedürfnis nach einer Weiterführung der handwerklichen Tradition und erzählerischen Bildthemen entsprach, hatte auch im Osten Deutschlands deutliche Spuren hinterlassen. Auf fruchtbaren Boden fiel diese Entwicklung bei Rosemarie Rataiczyk, die von 1945 bis 1952 an der „Burg Giebichenstein“ Buchgestaltung, Malerei und Graphik studiert hat. In der damals verwaisten Werkstatt für Bildweberei entwickelte sie erste Bildteppiche, später baute sie eine eigene Werkstatt auf.
So wurde ihr Werk zu einem genuinen Teil der „Halleschen Schule“, die im engeren Sinn zwischen 1945 und 1960 in der Saalestadt bestand. Künstlerisch beruht diese auf der klassischen Moderne aus der Zeit vor 1933, die von den im Umfeld der Kunsthochschule und der Werkstätten an der Burg Giebichenstein wirkenden Künstlerinnen und Künstlern maßgeblich mitgeprägt wurde.
Die Landschaftsbilder, Stillleben, Porträts und Interieurs von Rosemarie Rataiczyk zeugen von einer delikaten, sensiblen Malkultur und einer Beherrschung des Handwerks, die alle ihre Werkgruppen auszeichnet. Thematisch und motivisch blieb sie über alle Schaffensjahrzehnte hinweg eng mit ihrer Heimatstadt Halle und dem Saaletal verbunden. Von der Kunst des Sozialistischen Realismus ist ihr Werk weitgehend unbeeinflusst geblieben.
Gemeinsam mit ihrem Mann Werner Rataiczyk (1921-2021) baute sie sich eine freie Künstlerexistenz auf, die der bis in die Mitte der 1980er Jahre normativen und restriktiven Kulturpolitik der DDR widerstand. Seit den 1950er Jahren schuf sie ca. 100 grafische Werke (Zeichnungen, Holzschnitte und Lithografien) sowie mehr als 400 Ölbilder, Aquarelle und Gouachen. Altersbedingt konnte ihr Werk um das Jahr 2016 als abgeschlossen betrachtet werden. Über 80 textilkünstlerische Werke – 25 Arbeiten entstanden nach ihren eigenen Entwürfen – ergänzen das malerische und graphische Werk nicht nur; sie bilden einen wesentlichen Teil ihres künstlerischen Schaffens.
Das im Rahmen dieses Projekts zu dokumentierende Gesamtwerk umfasst mehr als 600 Arbeiten.