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Eigene Welten

Art brut, Art singulier und die Poesie des Eigenwilligen

Mit Eigene Welten konzipiert die Kunsthalle „Talstrasse“ eine Ausstellung, die sich aktuellen und jüngeren Positionen an den Grenzen von Art brut, Art singulier, Outsider Art und zeitgenössischer Kunst widmet. Im Zentrum stehen Künstlerinnen und Künstler, die eigene Bildsprachen entwickeln, ihre eigenen Regeln schaffen und aus Materialien, Erinnerungen, Erfahrungen und Vorstellungen eigenständige Welten entstehen lassen.

Die gezeigten Werke entziehen sich häufig einer eindeutigen Zuordnung. Sie bewegen sich zwischen Kunst und Handwerk, zwischen Zeichnung und Objekt, zwischen Skulptur und Textil, zwischen persönlicher Erinnerung und kollektiver Geschichte. Gerade diese Grenzgänge machen ihre besondere Aktualität aus. Dabei verbindet die beteiligten Künstlerinnen und Künstler keine gemeinsame Stilrichtung. Das Gemeinsame liegt vielmehr in der Eigenständigkeit ihrer jeweiligen Weltentwürfe.

Vom Material zur Welt

Einen wichtigen Ausgangspunkt der Ausstellung bildet das Textile. Stoff, Faden, Stickerei, Tapisserie und gebrauchte textile Bildträger werden zu Ausgangspunkten eigenständiger Bild- und Objektwelten. Daneben treten Fundstücke, Papier, Holz und Alltagsgegenstände, die gesammelt, bearbeitet, zusammengesetzt und in neue Zusammenhänge gebracht werden.

Gerade textile Techniken besitzen eine besondere Qualität: Sie sind mit Zeit verbunden. Ein Stich folgt auf den nächsten, ein Faden wird verknotet, eine Fläche wächst langsam. Was traditionell als Handarbeit, Hausarbeit oder Kunsthandwerk verstanden wurde, kann so zu einer eigenständigen künstlerischen Praxis werden. Die Künstlerinnen und Künstler greifen auf vorhandene Materialien zurück, zerlegen, nähen, sticken und montieren. Aus dem Vorgefundenen entsteht etwas Neues.

Das Textile bildet dabei einen roten Faden, ist aber keine thematische Grenze. Vielmehr lassen sich an ihm grundlegende Fragen der Ausstellung besonders anschaulich verfolgen: Wie entstehen eigene Welten? Welche Bedeutung haben Materialien, Erinnerungen und persönliche Erfahrungen für die künstlerische Arbeit? Und wie werden aus Stoffen, Bildern und Fundstücken individuelle Bildsprachen und Vorstellungen von Wirklichkeit?

Künstlerische Positionen

Die Ausstellung vereint unterschiedliche künstlerische Positionen, die auf jeweils eigene Weise aus Materialien, Erinnerungen und Vorstellungen eigenständige Bild- und Objektwelten entwickeln. Die französische Künstlerin Aurélia Jaubert greift auf vorhandene Stickereien und textile Bildträger zurück, die sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang löst und zu großformatigen Kompositionen zusammenfügt. Religiöse Darstellungen, Landschaften, populäre Bildwelten und Alltagsmotive treten dabei in neue Beziehungen. Bei Marion Oster werden Stoffe, Wolle, Knöpfe, Pailletten und weitere Materialien zu Figuren, Gewändern und textilen Bildräumen. Erinnerungen an unterschiedliche kulturelle Räume, Rituale und Glaubensvorstellungen prägen ihre Arbeiten, die an Reliquien, Votivgaben oder Kultobjekte erinnern und zugleich individuelle Schöpfungen bleiben.

Auch Josette Rispal arbeitet mit gefundenen und gebrauchten Materialien. In ihren Skulpturen, Assemblagen und Objekten verwandeln sich Dinge, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben, in Figuren und Wesen. Raymond Reynaud (1920–2007), ein wichtiger Vertreter der französischen Art singulier, entwickelte in seiner Malerei eine eigenständige Bildsprache aus kräftigen Farben, symbolischen Formen und fantastischen Motiven. Seine Bilder folgen einer persönlichen Ordnung und verdeutlichen, wie aus individueller Vorstellungskraft eine unverwechselbare künstlerische Welt entstehen kann.

Mit Élodie Barthélemy erweitert sich das Spektrum um eine gesellschaftliche und historische Dimension. Ihre Arbeiten verbinden Malerei, Zeichnung, Textil, Installation, Szenografie und Performance. Sie beschäftigen sich mit Identität, Herkunft, politischen Situationen und kollektiver Erinnerung. Die eigene Welt erscheint hier nicht nur als persönlicher Kosmos, sondern ebenso als Ausdruck kultureller und gesellschaftlicher Erfahrungen. Die Arbeiten von Stéphane Blanquet führen dagegen in groteske, fantastische und unheimliche Bildwelten. Zwischen Zeichnung, Film, Installation, Objekt und Tapisserie verbindet er Populärkultur und Underground mit einer eigenwilligen Bildsprache, in der Figuren und Wesen aus Traum und Albtraum hervorzutreten scheinen. Polly Vogel ergänzt die Ausstellung mit textilen Arbeiten zwischen Bild, Objekt und räumlicher Installation. Ihre Werke zeigen, wie sich textile Materialien über die Fläche hinaus in den Raum ausdehnen und offene, atmosphärische Bildwelten entstehen lassen.

Die unterschiedlichen Positionen ergeben kein geschlossenes Bild einer Kunstrichtung. Sie erzählen von Erinnerung und Herkunft, von Ritual und Fantasie, von Körper und Identität, von Traum und Unheimlichem. Was die Künstlerinnen und Künstler verbindet, ist vielmehr der Eigensinn, mit dem sie eigene Bildsprachen entwickeln und vertraute Materialien in neue Zusammenhänge überführen. Aus dem Vorgefundenen entstehen individuelle Wirklichkeiten, die sich eindeutigen kunsthistorischen Kategorien häufig entziehen.

Beteiligte KünstlerInnen (Auswahl)

Élodie Barthélemy  | Stéphane Blanquet| Aurélia Jaubert | Marion Oster | Josette Rispal | Raymond Reynaud | Polly Vogel u.a.

 

Impressionen: ARTE Beitrag über Aurélia Jaubert, 2023:

https://www.arte.tv/fr/videos/114118-018-A/aurelia-jaubert/

Abbildung Seitenanfang (Detail): Marion Oster, Detail Tenture 8: Mère à l’enfant, 2020, Foto: Archiv Kunsthalle „Talstrasse“