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Anita Rée

* 9. Februar 1885 in Hamburg
† 12. Dezember 1933 in Kampen/Sylt

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

Mit ihrem facettenreichen Werk aus impressionistischen Landschaftsbildern, kubistisch anmutende Stillleben und neusachliche Porträts zählt Anita Rée zu den wichtigsten Künstlerinnen der Avantgarde in Hamburg. Erst 2017/18 widmet die Hamburger Kunsthalle dieser Künstlerin zwischen Tradition und Moderne eine erste umfassende Einzelausstellung. 

Als zweite Tochter von Israel Rée und seiner südamerikanischen Ehefrau Clara wird Anita Rée 1885 in eine assimilierte jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren. Sie wird protestantisch getauft, konfirmiert und erzogen. Die Malerei ist der höheren Tochter schnell mehr als nur Zeitvertreib und Hobby, sie wird zu ihrer großen Passion, obwohl sie immer wieder an ihren eigenen Fähigkeiten zweifelt. Ermutigt von Max Liebermann, der ihr großes künstlerisches Talent bescheinigt, nimmt sie Unterricht beim Hamburger Maler Siebelist und teilt sich bald ein Atelier mit Franz Nölken und Friedrich Ahlers-Hestermann. 1912/13 hält sie sich für einige Monate in Paris auf, um sich bei Fernand Léger im Fach Aktmalerei fortzubilden. Zurück in Hamburg kommt es zum ersten Ankauf einiger ihrer Werke seitens der Hamburger Kunsthalle, was Rée als große Wertschätzung und Bestätigung ihrer Arbeit empfindet. 1919 gehört sie zu den Gründungsmitgliedern der Hamburger Sezession, wo sie in den folgenden Jahren regelmäßig ausstellt und sich endgültig einen Namen in der Hamburger Kunstszene macht. Vor allem ihre Porträts werden hoch geschätzt, sie erhält öffentliche Aufträge und ist 1926 eine der Be­gründerinnen der Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnenvereine aller Gattungen (GEDOK). Die NS-Zeit markiert einen Bruch in ihrem Leben, der sie in eine tiefe Krise stürzen lässt. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung wird sie aus der Hamburger Künstlerschaft ausgeschlossen, später sollen ihre Arbeiten als „entartet“ verfemt und Gemälde und Zeichnungen aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle beschlagnahmt werden. Letzteres erlebt Anita Rée nicht mehr. Sie zieht sich bereits 1933 auf die Insel Sylt zurück, wo sie sich – massiv an ihrer Isolation leidend – am 12. Dezember das Leben nimmt. 

Rées Œevre reicht von Gemälden, ­Zeichnungen, Aquarellen, Wandmalereien im öffentlichen Raum bis hin zu gestalteten kunsthandwerklichen Objekten. Ein zentrales Thema in ihrem Werk ist der Wandel der Gesellschaft im 20. Jahrhundert, die Frage nach Identität und Zugehörigkeit. Dabei spielt auch die Geschlechterfrage eine wesentliche Rolle. So zeigt sie vor allem in ihrem Frühwerk häufig Mädchen und Jungen an der Grenze zur Pubertät und stellt häufig androgyne Figuren dar. 

Darüber hinaus ist Rée eine grandiose Porträtistin und Bildnisse von Freundinnen und Mäzenatinnen bilden neben zahlreichen Selbstdarstellungen den Kern ihres Werks. Dabei beruht die Qualität ihrer Arbeiten auf der sensiblen Wiedergabe der jeweiligen Physiognomien, die den Betrachter auf ganz besondere Weise berühren. Wie bei der Zeichnung Anne C. wirken die dargestellten Frauen oft in sich gekehrt, sinnierend, melancholisch oder gar schwermütig. Die fein gezeichneten Gesichter spiegeln in gewisser Weise die eigene seelische Verfassung der Künstlerin wider, die Zeit ihres Lebens mit persönlichen Kränkungen und Enttäuschungen zu kämpfen hat und zeitweise unter schweren Depressionen leidet. So sehr sich Anita Rée als Künstlerin behaupten kann, so wenig findet sie ihr privates Glück. Weder ihr Wunsch nach einer Liebesbeziehung noch der nach einem Kind, der sich in zahlreichen Baby- und Kinderbildnissen aus ihrem Freundeskreis ausdrückt, werden erfüllt. 

Kerstin Reen