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Damenporträt 

Heribert Fischer-Geising

1929

 

Sieh mich (nicht) an – Hochgeschlossen – oder: Sieh mich an!

Sie sitzt aufrecht. Beinahe kerzengerade. Ganz leicht nur kippt sie, wie aus Versehen, aus der Mittelachse. Der Blick frontal, sehr ernst. Und sehr direkt. Aus sehr hellen Augen. Die kurzen Haare, der Zeit entsprechend, seitengescheitelt, das ärmellose Kleid hochgeschlossen, wird, was Ausschnitt sein könnte, von einem akkurat, ebenfalls mittig geknoteten Halstuch verhüllt. Die Enden des Tuchs bedecken die Brust, die gepflegten Hände ruhen gefaltet auf dem Oberschenkel des übergeschlagenen Beins, nur das nackte Knie blitzt unter dem Rocksaum hervor. Das Knie – nackt? Es ist die einzige kleine Freiheit, die dieses Porträt sich erlaubt. Ansonsten dominieren Disziplin, Gefasstheit, Sachlichkeit, wenn nicht gar Verschlossenheit, sowohl in der künstlerischen Umsetzung als auch in der Ausstrahlung der Protagonistin.

Die schnörkellose Klarheit in Bildaufbau, flächigem Strich und heller Farbigkeit, die Konturierung mit so gut wie keinem Schatten, die allgemeine Reduziertheit bis hin zum Verzicht auf alle (erklärenden) Attribute und jegliches Dekor, die Leere im Hintergrund, die technische Brillanz, die strenge Symmetrie mit Betonung der Senkrechten, von Kopf bis Knie, als malerischer Gegenpunkt zum Gesicht, das entspricht nicht nur, bar jeder Expressivität, der Zeit der Neuen Sachlichkeit. Sieh mich an, sieh mich nicht an, scheint dieses „Damenporträt“, mehr noch, zu sagen – und mit ihm die Porträtierte selbst. Eine Dame, die, so der erste Eindruck, auf sich hält: Und dabei ist sie nicht nur im Habitus, in ihrer Haltung ganz Dame. Sie hält sich dabei vor allem selbst. Aufrecht. Beinahe kerzengerade. In der Senkrechten. Gefasst. Oder eher traurig? Verletzt vielleicht? Enttäuscht? Sieh mich nicht an?

Entsprechend liegt nicht die Spur eines Lächelns auf dem Gesicht, das rund ist, aber nicht weich. Die Kerbe im Kinn, der kräftige Hals unterstützen eine beinahe männliche Anmutung, verstärkt noch dadurch, dass Weiblichkeit, so sie sich überhaupt zeigt, hochgeschlossen daherkommt. Bis auf das Knie. Dieses eigenartig freie Knie. Frei, aber nicht freizügig. Auch das Gesicht ist hochgeschlossen. Der Mund zu, sieht es aus, als beiße sie die Zähne zusammen. Fest. Entschlossen. Oder zum Schutz? Fest entschlossen, sich selbst zu schützen? Sieh mich nicht an?

Doch was der Mund verschließt, gibt der Blick preis. Sieh mich an, sagt der und schaut selbst aus diesen auffallend klaren, sehr hellen Augen, schaut den Betrachter an. Oder doch eher durch ihn hindurch?

Es ist eine schwierige Begegnung, die der Maler Heribert Fischer-Geising (1896-1984) da inszeniert hat. Ohne den Hauch einer Hingabe, noch nicht mal einer gewissen Offenheit, hochgeschlossen eben, ist die Form irritierend. Denn will das Porträt nicht eigentlich genau das: etwas offenlegen? Etwas sichtbar machen? Sucht das Porträt nicht genau den Blick, die Begegnung, die hier zunächst verweigert wird? Es ist eine Begegnung der stillen, der leisen Art. Unnahbar. Verschwiegen. Doch auch das Nichtgesagte macht immer eine Aussage, und das vermeintliche Unberührbare berührt. Will mehr. Sie mich (nicht) an, kann dann heißen: Komm mir nicht nahe – aber warum? Es kann genauso heißen: Übersieh mich nicht. Sei nicht zu schnell. Riskiere mehr als nur einen Blick. Komm mir näher.

Denn genau darin liegt die spröde Schönheit dieses Porträts. Es erschließt sich nicht unmittelbar. Es hält eine Begegnung in der Schwebe: Sieh mich an, sieh mich nicht an. Und womöglich geht mehr als ein Betrachter achtlos an dem Bild vorbei. Fischer-Geising, der sich als Landschafts- und Porträtmaler einen Namen gemacht hat und dabei vor allem als einer, der das Wesen, mehr noch: die Seele dessen und derer, die er malt, zu erfassen und umzusetzen vermag, zeigt diese Kunstfertigkeiten auch hier. Vielleicht ist es nämlich genau das, was er zeigen will. Ein Bild, eine Frau, die obwohl sie auf den ersten Blicketwas anderes vorgeben, am Ende doch sagen: Sieh mich an! Und das ist das Wesen jeder Begegnung. Mit jedem Bild. Mit jedem Porträt. Und mit jedem Menschen.

 

Christine Knödler

In: Bizarre Begegnung. Bilder schauen dich an. Porträts aus der Sammlung Brabant. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 11. Juli – 8. November 2009 im Stadtmuseum Penzberg