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„Deine Bronzen, die ich hier bei mir habe liebe ich zärtlich“ 

Marguerite Friedlaenders Marcks-Sammlung 

Marguerite Friedlaender am Fenster ihrer „Cabin“ auf der Pond Farm, um 1950

Zum kostbarsten Besitz, den Marguerite Friedlaender ins Exil retten kann, gehören die Plastiken und Zeichnungen von Gerhard Marcks. Nachdem sie im Juni 1933 in Putten eine Werkstatt gefunden hat, bringt Franz Rudolf Wildenhain sie im Gepäck nach Holland. Wenig später schreibt er dem verehrten Lehrer: „Unser Haus ist beinahe ein ‚Marcks-Museum‘, natürlich ein Lebendiges.“ 1 Und im erstem Weihnachtsgruß heißt es: „… seit Gerhards Plastiken hier sind, sind wir hier zu Hause, alles, nicht nur unsere Herzen sprechen von Euch.“ 2 Auf ihrer nächsten Flucht, zu der Marguerite Friedlaender am 2. März 1940 von Rotterdam aus nach New York aufbricht, nimmt sie vom wertvollen Familienbesitz kaum etwas mit; sie beschränkt sich auf fünfzig Bücher, verzichtet aber auf keine der Marcks’schen Plastiken und Zeichnungen.3 Darunter befinden sich das Porträt Wildenhains und zwei kleine Figuren nach Trude Jalowetz. 

Nach der langen, erzwungenen Pause, in der kriegsbedingt der Briefverkehr zwischen Europa und den USA ausgesetzt ist, nimmt Friedlaender im Sommer 1946 den Kontakt mit Marcks wieder auf und gibt ihren Freunden, dem Fotografenpaar Otto und Hansel Hagel, die nach Europa reisen wollen, einen Brief mit. Darin heißt es: „Wie gern würde ich sehen, was Du modelliert hast in den letzten Jahren. Deine Bronzen, die ich hier bei mir habe, neun an der Zahl, liebe ich zärtlich und werde nie müde sie zu beschauen. Auch manchem Freunde habe ich sie gezeigt und immer hat man sie sehr bewundert.“4 Seine Zeichnungen, darunter viele Aktzeichnungen, zu denen sie Modell stand, schmücken die Wände ihres selbstgebauten Hauses, einer „Cabin“ aus Holz auf der Pond Farm in Kalifornien. An ihrem Lieblingsplatz am Fenster (Abb. 171) steht ein Guss der 1930 entstandenen Brigitte, stehend. Marcks’ Werke sind für sie nicht einfach nur Erinnerungen, sondern vor allem auch Leitbild für das eigene Werk. Auf dem Weg in ein ungebundenes künstlerisches Schaffen, den sie in den USA sucht und findet, entfernt sich ihre Arbeit immer mehr von der früheren funktionalen Gebrauchskeramik, hin zu dekorativen Gefäßen und freien figürlichen Plastiken, die jedoch die Herkunft vom Gefäß nicht leugnen – denn daran haben sich ihre grundsätzlichen Auffassungen über die ­Verbindung von Form und Dekor gebildet.

In einem der ersten anrührenden Briefe nach dem Kriege, in denen beide sich einer Freundschaft versichern, die alle Brüche übersteht, fasst sie in Worte, was diese Beziehung für sie bedeutet: „In meinem Leben hat vielleicht keiner so viel Einfluss gehabt wie Du. Du hast mich mehr als Du weisst, geformt zu dem was ich hier erst richtig geworden bin. Im richtigen Moment (1918–1925) hast Du mich auf den richtigen Weg gestossen, und immer werde ich Dir dafür dankbar bleiben.“ 5

Nach 1933 begegnen sich Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks nur noch wenige Male. Im ausklingenden Winter und im Herbst 1934 besucht Marcks sie in Putten, um hier noch einmal nach sei­nem Modell Trude Jalowetz arbeiten zu können. Er wohnt bei Wildenhains, die ihn mit Papier, Ton und Blechbüchsen für das Innenleben seiner Plastiken versorgen. Als Marguerite Friedlaender 1952 nach zwölf Jahren das erste Mal wieder europäischen Boden betritt, fährt sie zuerst zu ihm nach Köln. Damals und 1974, anlässlich ihrer zweiten und letzten Europareise, formt Marcks zwei weitere Büsten und lässt ihr jeweils einen Guss zukommen. Den letzten kommentiert er mit den Worten: „Wenn der Eindruck stark und die Erinnerungskraft ebenso stark ist, was gar nicht so oft vorkommt, dann ‚fluscht’s.‘“ 6

1) Franz Rudolf Wildenhain an Marcks, Putten 8.8.1933, Bauhaus-Archiv Berlin.  2) Nachsatz von Friedlaender auf einem Brief von Franz Rudolf Wildenhain an Marcks, Putten, 24.12.1933, GNM, DKA, NL Marcks, I C-569_Wildenhain, Rudolf_1(24).  3) Vgl. Friedlaender 1989, S. 53.  4) Friedlaender an Marcks, o. D. (Juli 1946), AAA, MWP: Series 2: Correspondence 1940–1981.  5) Friedlaender an Marcks, 3.1.1947, AAA, MWP: Series 2: Correspondence 1940–1981.  6) Friedlaender an Marcks, 24.5.1975, AAA, MWP: Series 2: Correspondence 1940–1981.

 

Katja Schneider, Text aus:

»Wir machen nach Halle. Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks«
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Talstrasse, Halle (Saale)