Lesung aus mit Peer Uwe Teska und Joachim Unger aus Stephan Stolzes "Nachkriegsjahre. Erinnerungen 1945-1955" am Donnerstag, den 21.10.2021 um 19.30 Uhr

Dorothea Maetzel-Johannsen

* 6. Februar 1886 in Lensahn/Holstein
† 8. Februar 1930 in Hamburg

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

Den Bildern von Dorothea Maetzel-Johannsen haftet oft etwas Schwermütig-Melancholisches an. So auch dem Gemälde Das kranke Mädchen [16], das eines ihrer bekanntesten Werke ist und gemeinhin autobiographisch gedeutet wird. Dargestellt ist ein kraftloses, in sich zusammengekauertes Mädchen auf einer Art Krankenstuhl, das auf ein halbleeres Glas blickt. Tatsächlich leidet die Künstlerin seit ihrer Erkrankung an Gelenkrheumatismus an einem chronischen Herzleiden. Die Folge ist ein insgesamt schwacher Gesundheitszustand, der sie Zeit ihres Lebens schwächt und dazu führt, dass sie nicht älter als 44 Jahre wird. Als Kind ist es ihr unmöglich, die öffentliche Schule zu besuchen, stattdessen wird sie Zu Hause von einer Lehrerin unterrichtet. Bereits in ihrer Jugend zeichnet sie leidenschaftlich gern, so besucht sie von 1903 bis 1907 die Gewerbeschule für Mädchen in Hamburg, um anschließend als Zeichenlehrerin an einer Städtischen Mädchenschule in Schleswig zu unterrichten. 1910 heiratet sie den neun Jahre älteren Maler und Architekten Emil Maetzel, mit dem sie in den folgenden Jahren – es sollen die glücklichsten und unbeschwertesten sein, die sie erleben wird – vier Kinder bekommt. Da Emil während des Ersten Weltkriegs in Berlin stationiert ist, hält sich auch Dorothea immer wieder in der Hauptstadt auf, wo sie Zeichenunterricht bei Lovis Corinth in seiner „Malschule für Weiber“ erhält. Gleichzeitig knüpft das Paar Kontakte zur avantgardistischen Berliner Kunstszene, entdeckt die Werke der Brücke-Künstler und afrikanische Kunst für sich und es entstehen die ersten expressionistisch geprägten Arbeiten. 

Berlin löst bei Dorothea Maetzel-Johannsen aber nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen grundlegenden emanzipatorischen Wandel aus, den man ihr auch äußerlich ansieht. Zugunsten eines modischen Pagenschnitts verabschiedet sie sich von ihrer vormals strengen Hochsteckfrisur, schlüpft vermehrt in Hosen und trägt häufig einen Turban. Zurück in Hamburg, steht das Künstlerpaar folglich im Zentrum einer sich gerade etablierenden künstlerischen Bohème und ist maßgeblich an der Gründung der Hamburgischen Sezession im Jahr 1919 beteiligt. Noch bis 1921 sind die Bilder der beiden kaum voneinander zu unterscheiden, doch zunehmend unterstreicht Dorothea ihre Eigenständigkeit. Sie bezieht ein eigenes Atelier und hält sich 1925 sogar ein halbes Jahr ohne ihre Familie für Studienzwecke in Paris und Chartres auf. Öffentliche Aufträge seitens der Kunsthalle Hamburg bestätigen und stärken ihre Unabhängigkeit. 

Motive für ihre Arbeiten findet Dorothea in der Anfangsphase vor allem in ihrer familiär-häuslichen Umgebung. Zunächst sind dies vor allem Stillleben, Blumenarrangements und Kinderbildnisse, später malt sie fast nur noch Frauen. Aktdarstellungen wie der Halbakt Der rote Mond nehmen in diesem Kontext eine besondere Stellung ein, häufig malt sie Doppelakte wie Badende I [19] oder Zwei Mädchenakte im Atelier [18]. Die Zurschaustellung des nackten weiblichen Körpers ist bei ihr weniger erotisch als aus einem tiefen Interesse an der korrekten Wiedergabe der menschlichen Anatomie motiviert. Gleichzeitig zeigt sich dahinter ein neues Körperverständnis, wie es im Zuge der Lebensreformbewegungen seit der Jahrhundertwende, aber gewiss auch im Rahmen der freizügigen Hamburger Künstlerfeste zelebriert wurde, an denen das Künstlerpaar immer wieder teilnimmt. Das Motiv der Badenden kann dabei als Sinnbild für die Sehnsucht nach Natürlichkeit und dem Wunsch nach einer Einheit mit der Natur gedeutet werden. Übertragen geht es dabei natürlich immer auch um die Befreiung aus einem als beengt empfundenen bürgerlichen Leben. 

Kerstin Reen