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Glomme

Hanna Nagel

1929

 

Die Haare rot und kurz geschnitten, der Mund ist fest geschlossen, die Lippen leicht vorgeschoben, die dunklen großen Augen weit geöffnet, nach oben gerichtet. Die Zeichnerin fixiert ihr Modell genau. Wie eine Raubkatze auf der Lauer, so angespannt und konzentriert wirkt „Glomme“, wie sie in der Signatur genannt wird. Glomme war eine Kommilitonin der Künstlerin Hanna Nagel, die dieses Blatt 1929 geschaffen hat. Glomme war offensichtlich eine imponierende Persönlichkeit, die die Chance, an einer Kunstakademie studieren zu können, zu schätzen wusste, schließlich war dies Frauen noch nicht lange möglich. In Bayern hatten sich die Frauen 1903 zwar das Immatrikulationsrecht an den Universitäten erstritten, die Kunstakademien blieben ihnen jedoch noch länger versperrt. Man verwies auf die Damen-Akademien des Künstlerinnen-Vereins und darauf, dass das Kunststudium für Frauen ohnehin Teil der Allgemeinbildung, nicht aber ernsthaftes Kunstschaffen sein. Die schöpferische Fähigkeit der Frau in der Kunst wurde schlicht angezweifelt. Dies änderte sich deutschlandweit erst ab dem Wintersemester 1920/21 mit einem Erlass des Kultusministeriums. 

Hanna Nagel, 1907 in Heidelberg geboren, konnte zwischen 1925 und 1929 als ordentliche Studierende  der Badischen Kunstschule bei Karl Hubbuch, Wilhelm Schnarrenberger und Hermann Gehri das Malen und Zeichnen als ordentliche Studentin lernen und zuletzt bei Walter Conz die Meisterklasse für Radierung besuchen. 1929 siedelte sie nach Berlin über, wo sie ihre künstlerischen Studien bei Emil Orlik und Hans Meid fortsetzte, aber die Prägung durch Karlsruhe, das sich mit Lehrern wie Hubbuch und Schnarrenberger zu einem Zentrum der „Neuen Sachlichkeit“ entwickelt hatte,  war wohl ausschlaggebend. Hanna Nagels Blatt zählt stilistisch zur „Neuen Sachlichkeit“, in der es um eine objektive und präzise Realitätswiedergabe und einen nüchternen Blick auf die Welt geht. Hanna Nagel war auf dem besten Weg, in dieser Kunstrichtung eine wichtige Rolle zu spielen, wurde bereits als weiblicher Otto Dix bezeichnet, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und ihre Kunst verfemten. Diesen Einschnitt überwand Hanna Nagel nie. Fortan lebte sie von Buchillustrationen und Auftragsarbeiten. Als sie 1975 starb, war sie fast vergessen. 

 

Hanne Weskott

In: Bizarre Begegnung. Bilder schauen dich an. Porträts aus der Sammlung Brabant. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 11. Juli – 8. November 2009 im Stadtmuseum Penzberg