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Helene Funke

* 3. September 1869 in Chemnitz
† 31. Juli 1957 in Wien

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

Anders als in Österreich ist das Werk von Helene Funke in Deutschland fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Erst eine große Einzelausstellung anlässlich ihres 150. Geburtstags in den Kunstsammlungen Chemnitz würdigt und feiert sie als große Wiederentdeckung. Die Biografie der gebürtigen Chemnitzerin ist bis dato zwar noch nicht lückenlos erforscht, dennoch lässt sich mit Gewissheit das Bild einer außergewöhnlichen Frau nachvollziehen, die ihrer Zeit nicht nur künstlerisch, sondern auch emanzipatorisch weit voraus ist. Funke wählt einen selbstbestimmten Lebensentwurf fern der damals üblichen Konventionen und ist immer auf der Suche nach persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung. Dabei gelingt es ihr, sich einen festen Platz in einer von Männern dominierten Kunstwelt der Jahrhundertwende zu erobern. 

Als Tochter des Kaufmanns Herrmann Funke und seiner adeligen Frau wird Helene Funke 1869 in eine gutbürgerliche, kunstsinnige Familie hineingeboren. Der Vater engagiert sich im örtlichen Kunstverein, der Kunsthütte Chemnitz, dennoch lehnt er den Wunsch der Tochter nach einer künstlerischen Ausbildung kategorisch ab. Funke verlässt 1899 ihr Elternhaus und geht nach München, wo sie zeitgleich mit Gabriele Münter die Damenakademie des Künstlerinnen-Vereins besucht, da für Frauen eine Ausbildung an den offiziellen staatlichen Kunstakademien noch undenkbar ist. Wie viele ihrer Künstlerkolleg(inn)en zieht es sie schließlich nach Paris, wo sie von 1906 bis 1909 lebt. Paris gilt damals nicht nur als das unbestrittene Zentrum der Moderne, auch der Zugang zu den Akademien ist hier deutlich liberaler organisiert und Frauen dürfen gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen die Königsdisziplin jeder künstlerischen Ausbildung erlernen: die Aktmalerei. Funke wohnt im selben Haus wie Gertrude und Leo Stein und kommt in engen Kontakt mit den Kunst­strömungen der Avantgarde. Sie wird Mitglied der Société des Artistes Indépendants und stellt neben den Fauves – allen voran Matisse – bis 1911 regelmäßig im Salon des Indépendants sowie im Salon d`Automne aus. 1911/13 übersiedelt sie nach Wien, wo sie mit ihrer expressiven farbigen Malerei neben Schiele und Klimt große Erfolge feiert. 1928 erhält sie den Österreichischen Staatspreis für das Gemälde Tobias und der Engel, das später von den Kunstsammlungen Chemnitz angekauft wird. In der NS-Zeit zieht sich Funke mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben zurück, ihr Werk gerät trotz Beteiligung an über 40 Ausstellungen in ganz Europa in Vergessenheit. 1957 stirbt sie völlig verarmt in Wien. 

Vom Historienbild bis zur Landschaft beherrscht Helene Funke sämtliche Genres der Malerei, dennoch ist sie vor allem eines: eine Malerin der Frauen. Auch in der Forschung herrscht Einigkeit darüber, dass ungewöhnliche Frauenbildnisse und Frauengruppen ihr eigentliches Markenzeichen darstellen. In Bildern wie Die Früchte/Freundinnen, Drei Frauen oder Träume erschafft Funke immer wieder weibliche Idealorte, in denen die dargestellten Frauen stets harmonisch miteinander agieren. Das Motiv In der Loge wird mehrfach von ihr bearbeitet und kann beispielhaft für ihre spezifische Art der Umdeutung damals ­gängiger Bildthemen herangezogen werden: sie löst die Frauen hier aus ihrer vormals passiven Rolle als männliches Schmuckwerk und Begleiterin und erhebt sie zu aktiven Beobachterinnen und Protagonistinnen eines gesellschaftlichen Geschehens, in diesem Fall des Theaterbesuches. Auch Funkes erst kürzlich aufgetauchten fotografischen Selbstportraits, die sie von 1906 bis 1930 von sich anfertigte, können als Ausdruck ihres Spiels mit den Geschlechterrollen interpretiert werden. Eine weitere Motivgruppe in ihrem Oeuvre bilden zahlreiche Frauenakte], die vor allem in den Pariser Jahren zwischen 1908 bis 1910 entstanden sind. Der nackte weibliche Körper ohne Idealisierung und mythologisches Beiwerk als Objekt des männlichen Begehrens ist eines der Hauptmotive der Avantgarde und avanciert nicht selten zum Skandalthema. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der eigenen sexuellen und körperlichen Befreiung wird es auch von Malerinnen umgesetzt. Zudem zeigt sich hier bei Funke erstmalig ihr besonderer Umgang mit intensiv leuchtenden Farben und dem so typischen wilden Pinselstrich, der sich ab 1915 zu einer eigenständigen Form des Expressionismus ausprägen soll.

Kerstin Reen