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Katharina Heise

(alias Karl Luis Heinrich-Salze)

* 3. Mai 1891 in Groß-Salze (heute Schönebeck)
† 5. Oktober 1964 in Halle (Saale)

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

Nach einer unbeschwerten Kindheit einschließlich höherer Töchterschule erhält Katharina Heise zunächst Unterricht in Buchführung, Stenographie und Schreibmaschine. Ihren heimlichen Wunsch, Kunst zu studieren, verwehren die wohlhabenden Eltern zunächst. Dann geben sie nach und die Tochter darf, wie ihre fünf Jahre ältere Schwester, die Malerin Annemarie Heise, in Magdeburg die Kunstgewerbeschule besuchen. Bald folgt Katharina der Schwester nach Dresden, wo sie privat bei Prof. Dorsch Unterricht erhält. Ein Studium für Frauen gibt es an der Akademie noch nicht. Schon in Magdeburg hat ihr der junge Lehrer Benno Marienfeld aus eigener Erfahrung geraten: „Gehen Sie nach Paris, wenn es Ihnen möglich ist.“ Im Herbst 1913 fahren die Schwestern nach Paris. Sie treten in verschiedene Malschulen berühmter Lehrer ein und sind voller Lust für die Kunst. Der Erste Weltkrieg beendet ihren Aufenthalt in der europäischen Kunstmetropole. 1916 nehmen die Schwestern an der ersten von Kurt Pinthus initiierten Expressionisten-Ausstellung in Magdeburg teil. Katharina interessiert sich zunehmend für die plastische Arbeit. Im berühmten Atelierhaus Siegmundshof 11 am Berliner Tiergarten übernimmt sie das Atelier von Käthe Kollwitz. Das führt gradlinig zur Bildhauerei. Kollwitz bestärkt Katharina Heise in ihrem Tun und bietet ihr freundschaftliche Hilfe an. „Wir hatten wohl vom ersten Moment eine starke Sympathie füreinander. … Sie hat manche Lanze für mich gebrochen und ich verdanke ihr unendlich viel“, betont die Künstlerin in ihrer Autobiographie aus den 1950er Jahren. 

Zwei bemalte Sandsteinplatten, Kindermord und Tanz (beide nach 1910 und heute im Bestand des Kunstmuseums Magdeburg), sind der Beginn einer großen Bildhauerkarriere in den 1920er Jahren. Der Bildhauer Hugo Lederer hilft ihr auf diesem Weg und die Entdeckung von Archipenkos Werken beeinflusst ihr plastisches Schaffen. 

Allerdings wird man in der Kunstgeschichte dieser Zeit den Namen Katharina Heise vergebens suchen. Bis Anfang der 1930er Jahre arbeitet sie unter dem Pseudonym Karl Luis Heinrich-Salze (Schreibweise in verschiedenen leichten Abwandlungen), mit diesem Namen sind auch alle Ausstellungskataloge und Rezensionen der nationalen und internationalen Presse verbunden. Mit dem männlichen Pseudonym will die Künstlerin in der männerdominierten Kunstwelt ihre Chancen in der Öffentlichkeit vergrößern, mindestens aber bewahren. 

Obwohl in Berlin ansässig, wird Katharina Heise 1919 Mitglied der Magdeburger Künstlervereinigung Die Kugel, die der Berliner Novembergruppe nahesteht. Sie beteiligt sich mehrfach an deren Aktivitäten. In Berlin ist Katharina Heise Schriftführerin und zeitweilig 2. Vorsitzende im Frauenkunstverein Berlin, dessen Ehrenvorsitzende Käthe Kollwitz ist. 

Die zwanziger Jahre sind die Jahre der großen Ausstellungen u. a. in der Akademie der Künste, der Großen Pariser Kunstausstellung, der Novembergruppe in Berlin, im Folkwang-Museum Essen, in der Galerie Biliet in Paris oder der großen Ausstellung Frauen in Not. „Für mich war die eine ‚Jury Freie‘, das Jahr weiß ich nicht mehr genau, in der ich die Große Schreitende und das Urweib ausstellte, ein reichlich sensationeller Erfolg. Fast alle Zeitschriften, auch die Schweiz, Italien und Frankreich brachten wenigstens eine Abbildung. Später wurden sie öfter noch als entartet hervorgeholt“, schreibt Katharina Heise in ihrer Autobiographie.

Sie ist eine äußerst engagierte und selbstbewusste Künstlerin, die schon ab 1916 für Franz Pfemferts linksgerichtete Zeitschrift Die Aktion und später für Ernst Niekischs Zeitschrift Widerstand arbeitet.

Mit der Übernahme der Macht durch die National­sozialisten wird Katharina Heise als entartet verfemt. Sie zieht sich ganz aus dem öffentlichen Leben zurück. Ihre Schwester stirbt 1937. 1942 verliert Katharina Heise bei einem Bombenangriff auf Berlin ihr Atelier und große Teile ihres Werkes. Sie geht nach Schönebeck in ihr Elternhaus zurück, kann nach 1945 jedoch nicht an die Erfolge aus den 1920er Jahren anknüpfen und wird zudem in der jungen DDR als „Kulakentochter“ wiederum ver­unglimpft. Es entstehen noch einige bedeutsame Arbeiten wie das Porträt der Anne Frank oder die Ausstattung einer Kirche in Nachterstedt. 1961 richtet der Künstlerverband den Schwestern eine Ausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg ein. 1964 stirbt Katharina Heise in einem Hallenser Krankenhaus. Ein Freundeskreis aus Künstlern und Kunstinteressierten und einige Museen (Schönebeck, Magdeburg, Halle, Erfurt) bewahren den zu großen Teilen noch nicht erforschten Nachlass.

Jörg-Heiko Bruns