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Lettisches Mädchen

Alexej von Jawlensky 

um 1910

 

Das menschliche Gesicht ist das große Thema, das Alexej von Jawlensky zeitlebens nicht losließ. Seien es die Gesichter in glühenden, flammenden Farben mit riesigen, bunt geränderten Augen, seien es die später entstandenen, in eine Kreuzform gefassten, innerlichen Heiligenbilder, Jawlensky spürt in seinen Bildern das innere Seelenleben seines Gegenübers auf und malt nicht nur, was er sieht, sonders was er fühlt und in sich trägt. So auch auf dem Bild „Lettisches Mädchen“ von 1911.

Es zeigt eine einfach gekleidete junge Frau im Halbprofil mit unauffällig nach hinten gebundenen Haaren und abgewandtem Blick. Ein leichtes Lächeln umspielt den Mund und zaubert Freundlichkeit in das stille, in sich gekehrte Gesicht. Man möchte sich nicht vorstellen, dass dieser Mund spricht oder dass sich der ferne Blick auf uns richtet, aus Angst, die geheimnisvolle Schönheit des Mädchens könnte zerstört werden. Das leuchtende Gelb des Gesichts, hier und da durch wenige rote Akzente auf den Augenlidern, an der Wange und der Stirn gesteigert, wird durch weiße Höhungen in seiner Frische und Leuchtkraft gedämpft. Die junge Frau trägt eine mit flüchtigen Pinselstrichen gemalte hellblaue Arbeitsjacke über einem roten, kragenlosen Hemd. Die Kleidung, fehlender Schmuck und die einfache Frisur deuten auf einen sozial niedrigen Status. Vielleicht ist es eine junge Landarbeiterin? Man weiß es nicht, und das ist auch nicht so wichtig.

Der grobe Pinselduktus und der rot-blaue Farbkontrast der Kleidung werden in dem tiefenlosen Hintergrund aufgenommen, vor dem sich der Kopf abhebt. Mit kräftigen blauen Pinselstrichen hat Jawlensky den blassrosa Grundton übermalt, fast als wollte er die zarte Farbe wegkratzen. Nur über der rechten Schulter kann sich noch ein wenig Karminrot gegen das Blau behaupten. So, wie sich das ruhige Blau im Hintergrund durchaus mit Vehemenz gegen das Rosa durchgesetzt hat, so drängt das Weiß in dem jungen Gesicht das leuchtende Gelb ins Fahle. In den Farbschichten materialisieren sich Lebensspuren: Reifung und Veränderung, Verdrehungen und Verletzung.

Die Zeit scheint auf dem Bild aufgehoben. Vergangenes und Zukünftiges, Jugend und Altern, spiegeln sich in dem Gesicht der jungen Frau. Ihr Blick ist nach innen gerichtet und lässt weniger das Gefühl von Lebenslust, als die Ahnung künftiger Mühe aufkommen. Der Gesichtsausdruck schwankt seltsam zwischen Heiterkeit und Melancholie, die Unnahbarkeit dieser Person hat beinahe etwas Jenseitiges. „Meine Arbeit ist Gebet, ein leidenschaftlich durch die Farben gesprochenes Gebet“, hat Jawlensky einmal gesagt. Er hat die Farben Rot und Blau geliebt und in vielen seiner Bilder ins Extreme gesteigert. Dass sie in der christlichen Ikonographie auf Marienbildnisse verweisen, ist sicher kein Zufall. So erschließt sich das Faszinierende, ja Fesselnde, dass die schlichte, heitere und weltabgewandte Schönheit des Mädchens hat, nicht zuletzt in einer mystischen Gestimmtheit, der man sich nicht entziehen kann.

 

Christiane Raabe

In: Bizarre Begegnung. Bilder schauen dich an. Porträts aus der Sammlung Brabant. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 11. Juli – 8. November 2009 im Stadtmuseum Penzberg