Lesung aus mit Peer Uwe Teska und Joachim Unger aus Stephan Stolzes "Nachkriegsjahre. Erinnerungen 1945-1955" am Donnerstag, den 21.10.2021 um 19.30 Uhr

Mädchen mit blauer Vase

Karl Hofer 

1923

 

Eine Frau sitzt vor uns, an einem runden, vom unteren Bildrand angeschnittenen Tisch, auf dem eine blaue, kelchartige Vase steht. In dieser Vase eine Blume, eine Rosenblüte, die schwer an einem sich neigenden Stängel hängt, und ein weiterer, noch unverwelkter Zweig. Hinter der Frau rechts ein Vorhang, in breiten hell lila Bahnen gespachtelt; auch der Hintergrund ein großflächig dunkelblau-schwarz gespachtelte, undurchdringliche Zone. Lediglich um den Kopf und die Schulter der Frau eine grüne einfassende Rahmung, eine Art Aureole, die einen starken Kontrast zu dem rostroten Haar der Frau und ihrem lilablauen Mantel bildet.

Die Frau, die wir auf diesem Bild so ansehen, als stünden wir aufrecht vor ihr, während sie sich, tiefer sitzend, in ihrem etwas sperrigen Armstuhl zurückgezogen hat, blickt uns nicht an.

Sie wendet uns ihr Gesicht zu, aber ihr Blick geht an uns vorbei in die Ferne. Sie ist verhüllt in einen großen, zu großen Mantel aus blass lilablauem Stoff, der markante Falten wirft und in einen Kragen mündet, der so groß wie ihr ebenfalls sehr großes, etwas kantiges Gesicht. So wirkt ihr Kopf in diesem Kragen wie eine Blüte, die vorsichtig und bleich aus überdimensionierten Blättern hervorlugt.

Vorsichtige Distanz drückt auch ihre Haltung aus: ihr Gesicht ist uns zwar zugewandt, aber nicht ihr Körper, sie sitzt schräg in dem Stuhl. Ihr rechter Arm liegt in einem weiten Ärmel horizontal versperrend vor ihrer Gestalt, die rechte Hand auf der linken Lehne. Dahinter die linke Hand, hell und schmal aus üppigem Stoffvolumen herabsinkend.

Es wirkt so, als habe die Frau Zuflucht gesucht, in den Mantel, in den Stuhl, hinter den Tisch, vor sich die Blume, dieser Verdopplung ihres Wesens, diesem Bild ihrer Seele. Verharrend in Passivität, versunken in einer Stille, die fast zeitlos wirkt, wären da nicht die Andeutungen von Bewegung und das Welken der Rose, erscheint diese Frau wie die Verkörperung eines Zustands. Denn es ist ja kein Porträt, das wir vor uns haben: Dieses großflächige, linear konturierte Gesicht mit den mandelförmigen Augen, dem langen Nasenbogen und dem schmalen, verschlossenen Mund wirkt nicht persönlich, sondern überzeitlich klassisch.

Es ist die Schönheit einer byzantinischen Ikone oder die eines Duccio oder Simone Martini, die sich in diesem Gesicht wiederfinden lässt, aber auch die eines Picasso der berühmten „Desmoiselles d’Avignon“. Denn Hofer hat sich in dieser Zeit und in diesem Bild kubistische Formen „anverwandelt“; hier stehen die Kanten und sperrigen, schwarz konturierten Volumen im Dienste des Ausdrucks: Trauer, Leere, Melancholie, Unbehaust-Sein, Resignation.

Eine rote Rose – der einzige rein rote Farbtupfer im ganzen Bild – welkt in einer blauen Vase. Das alte Thema: Frau und Blume, in einer weiteren Variante. Auch Hofer hat es vielfach variiert, eines dieser Bilder hängt in der Pinakothek der Moderne in München, es wirkt wie ein Traumbild. – Wenn man dieses Thema „erzählt“ bekäme, fände man es womöglich kitschig. Es ist das wie, das aus diesem Thema ein derart schönes Bild macht.

 

Ursula Poensgen-Will

In: Bizarre Begegnung. Bilder schauen dich an. Porträts aus der Sammlung Brabant. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 11. Juli – 8. November 2009 im Stadtmuseum Penzberg