Lesung aus mit Peer Uwe Teska und Joachim Unger aus Stephan Stolzes "Nachkriegsjahre. Erinnerungen 1945-1955" am Donnerstag, den 21.10.2021 um 19.30 Uhr

„nicht das Wesentliche, sondern nur ein Wesentliches der Persönlichkeit“

Marcks’ Luther- und Melanchthon-Büsten 

Gerhard Marcks, Büste Philipp Melanchtho nund Büste des jungen Martin Luther, 1930

Anlässlich der 400-jährigen Augustanafeier 1930, dem großen Jubiläum der Augsburger Konfession, mit der sich 1530 die lutherischen Reichsstände zum neuen Glauben bekannten, macht der preußische Kultusminister Adolf Grimme 1 der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg ein Geschenk: Er stellt Mittel für eine Büste von Luther und von Melanchthon zur Verfügung. Die beiden Wittenberger Reformatoren fehlen bislang unter den Bildnissen der großen Universitätsgelehrten, die die Hörsäle und Hallen der altehrwürdigen Institution schmücken. Der Auftrag soll an Gerhard Marcks gehen. Die Umsetzung liegt in den Händen des Rektors Gustav Aubin, einem mutigen Streiter gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Ihm steht als Universitätskurator der Archäologe Ludwig Pallat zu Seite, der wenig später Charles Crodel den Auftrag für das Wandbild im Gymnastiksaal der Moritzburg vermittelt. Für die Entscheidungsfindung wird eigens eine Kunstkommission gebildet, der neben den halleschen Kunsthistorikern Paul Frankl und Kurt Gerstenberg auch der Theologe und anerkannte Lutherforscher Johannes Ficker, der Philosoph und Kunsttheoretiker Emil Utitz sowie der Jurist Carl Bilfinger und der Althistoriker Wilhelm Weber angehören.

Für Marcks ist das ein ehrenvoller Auftrag, der ihn als Künstler in Universitätskreisen etabliert. Zugleich bedeutet es eine große Herausforderung, Porträts nicht nach dem lebenden Modell zu schaffen, sondern historische Persönlichkeiten erstehen zu lassen, deren Bild zudem noch mit einem vielschichtigen Mythos besetzt ist. Marcks ist sich der Problematik sehr wohl bewusst und geht an die Quelle: Er greift auf die frühen Cranach-Bilder zurück, die das authentische, wenn auch für Glaubenszwecke instrumentalisierte Aussehen des Reformators überliefern. Sie hatten Künstlern über Jahrhunderte als Vorlage gedient, waren allerdings im 19. Jahrhundert zum nationalen Heldenbildnis stilisiert worden. Dem stellt Marcks eine psychologisierende Auslegung entgegen, die Luther zwar bäuerisch und willensstark wiedergibt, in ihm aber vor allem den Propheten sieht, der die Augen zum Himmel hebt, im Gegensatz zu seinem Mitstreiter Philipp Melanchthon, dem vergeistigten stillen Gelehrten. 2 Es ist nicht der jugendliche, asketische, kämpferische Luther, sondern der geistig gesammelte, der suchende, um Erkenntnis ringende Reformator, den Marcks dem Betrachter darbietet. 

Seine Beweggründe schildert Gerhard Marcks selbst: „Wer jemals vor der Aufgabe gestanden hat, das Porträt eines lebenden Menschen zu machen, weiß, daß in einem Bildnis sich nicht das Wesentliche, sondern nur ein Wesentliches der Persönlichkeit geben läßt. – Das Bild des Heros wird der Allgemeinheit ausgeliefert. Die Jahrhunderte formen weiter an ihm, jedes will ihm etwas von seinen eigenen Zügen geben. Was ist schließlich noch Kern, was ist Schale? Aus der Menge der zeitgenössischen Lutherporträts ist der sogenannte ‚Lutherkopf‘ des 19. Jahrhunderts nur eine Variante. Man kann aus ihm ablesen den ekstatischen Asketen, den Kämpfer, die ‚bestia mit den profundi oculi‘, den Propheten, den großen Theologen und den weisen Organisator der evangelischen Kirche, wenn man will auch den, von dem Strindberg behauptete, daß er die Sache der Reformation an die Fürsten verraten habe. Die Frage ist: Welcher geht uns am meisten an? Antwort: der uns heute am meisten helfen kann. Der Prophet, der zu fragen wagte: was muß ich tun, daß ich selig werde. … eine ganz unklassische Erscheinung: Vollkommenheit durch Unvollkommenheit, schön durch Häßlichkeit. Die Physiognomie Melanchthons ist eindeutiger, er hat keinen Mythos zum Sockel: ein klarer Verstand, ein analytisches Talent, das sich der großen Sache zur Verfügung stellte. Eine Frucht des Humanismus, nur in der Universität ein gleicher neben Luther.“ 3

Zur Abnahme reicht Marcks im Herbst und im Dezember 1930 jeweils zwei Modelle ein. Ob es sich dabei um zwei Versionen oder um eine Überarbeitung handelt, ist anhand der Quellen nicht auszumachen. Wohl aus Kostengründen werden die Büsten nicht, wie ursprünglich vorgesehen, in weißem körnigem Marmor gearbeitet, sondern in Bronze gegossen. Die Kunstkommission hatte offenbar das Gefühl, Marcks müsse seine bisherige Auffassung von der Persönlichkeit Luthers noch etwas revidieren und schickt ihn zu Johannes Ficker 4, damit dieser ihn in die Luther-Ikonographie einführe. Die Befürchtung, Marcks’ Büsten könnten „in Kreisen der älteren Kollegenschaft, die ein anderes Lutherbild mit sich herumträgt, lebhaftes Kopfschütteln erregen“, 5 bewahrheitet sich allerdings nicht. Im Gegenteil, die Presse lobt den „trotzigen Glaubenskämpfer Luther“ und „den gelehrten Melanchthon mit seiner ruhigen Überlegenheit“6 aufs Höchste. Am 2. April 1931 werden die Büsten der Universität übergeben und im Wandelgang des Löwengebäudes vor der Aula aufgestellt – rechts Luther, links Melanchthon.

1) Adolf Grimme, der in Halle Philosophie und Germanistik studiert hatte, war ein bekannter Kulturpolitiker der späten Weimarer Republik und der frühen Bundesrepublik, zuletzt Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks; nach ihm ist der Grimme-Preis benannt.  2) Vgl. Stefan Rhein: Von Schadow bis Spitzer: Eine Geschichte der Melanchthon-Büsten, in: Rhein/Treu 2016, S. 117–142, Verweis S. 130.  3) Professor Marcks über seine Porträtköpfe von Luther und Melanchthon, in: Die Provinzialkirche, 11. Jg., Nr. 4, 15.4.1931, UAHW, Rep. 4, Nr. 176, S. 234–252.  4) Johannes Ficker veröffentlichte den ersten grundlegenden Aufsatz zum Lutherbildnis: Johannes Ficker: Die Bildnisse Luthers aus der Zeit seines Lebens, Göttingen 1934.  5) Schreiben des Rektors Gustav Aubin an Johannes Ficker, 20.12.1930, UAHW, Rep. 4, Nr. 176, S. 234–252.  6) Wertvolles Geschenk an die Universität, in: Kampf, 9.4.1931, UAHW, Rep. 4, Nr. 176, S. 234–252.

 

Katja Schneider, Text aus:

»Wir machen nach Halle. Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks«
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Talstrasse, Halle (Saale)