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„In einem unserer ­Kellerräume wurde ein Porzellanofen ­eingebaut.“

Der Friedlaender-Ofen

Der Friedlaender-Ofen in der Burg Giebichenstein, Foto von 2018

In einem Gewölbekeller des Westflügels der Unterburg Giebichenstein, über dem sich einst die Residenz der Magdeburger Erzbischöfe erhob, steht seit neunzig Jahren ein Brennofen. Mit seinem Bau im Sommer 1929 wird ein bereits zehn Jahre zuvor von Paul Thiersch gefasster Plan, sich an der Burg auch mit Porzellan zu befassen, in die Tat umgesetzt. Im Herbst des Jahres wird auf Initiative Günther von Pechmanns zwischen der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) und der Burg eine vertraglich bekräftigte Zusammenarbeit beschlossen, deren Ziel die Entwicklung neuer, sach­licher Geschirrformen ist. 1 

Was das bedeutet, schildert Marguerite Friedlaender in ihren Erinnerungen: „Das hieß, daß ich Tafelgeschirr, Schüsseln, Vasen, auch dekorative Gegenstände zu entwerfen hatte, die sie [die KPM] dann in großer Auflage herstellen wollten. … Natürlich nahm ich diese Aufforderung an. Es ergab sich eine höchst fruchtbare Zusammenarbeit, in die die Manufaktur ihre Kenntnisse einbrachte und ich die meinen. In einem unserer Kellerräume wurde ein Porzellanofen nach ihren Vorschriften eingebaut. Zwei bewährte Mitarbeiter der KPM, ein Modellmacher und ein Glasur- und Brennfachmann, kamen nach Halle, um bei mir zu arbeiten. … Die Zusammenarbeit funktionierte. Die Ergebnisse befriedigten alle: die Fabrik, die Kundschaft, die Stadt, den Staat, unsere Schule und manchmal sogar mich.“ 2

Günther von Pechmann sind Marguerite Friedlaenders Arbeiten bestens vertraut. Er kannte schon ihre in der Dornburger Werkstatt des Bauhauses entstandenen Keramiken und stellte sie mit ihren ersten halleschen Stücken in der Neuen Sammlung in München – dem weltweit ersten Designmuseum mit dem heute größten Sammlungsbestand – in den Jahren 1926 und 1928 im Rahmen von drei größeren Ausstellungen aus. Für sein Reformprogramm an der KPM, bestimmt vom Leitbild der Form ohne Ornament, ist es ein Glücksfall, Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks zur Mitarbeit gewinnen zu können. 

Die Kosten für den neuen Brennofen, in dem Hartporzellan bei 1400 Grad gebrannt werden kann, deckt die Schule mit den Einnahmen aus einem Auftrag der Reederei Norddeutscher Lloyd. Die Emailklasse der Burg unter Leitung von Lili Schultz hatte für die Treppenhäuser der Ersten Klasse des Schnelldampfers „Bremen“ emaillierte Geländerstäbe für 180 Meter Kajütentreppen und Balustraden ausgeführt. Auf Einladung der Reederei kann, als einer von drei bestellten Fotografen, der Leiter der Fotoklasse der Burg, Hans Finsler, das damals modernste Schiff der Welt auf seiner Jungfernfahrt begleiten: Die „Bremen“ ist 1929 das schnellste Schiff auf der Trans­atlantik-Route von Bremerhaven nach
New York.

Der Versuchsofen im Burgkeller ist ein aus Schamottesteinen gebauter, mit Eisenbändern armierter, runder Einkammerofen mit zwei Kubikmetern Brennraum, der mit Kohle zu befeuern ist. Um beim Glatt- oder Glasurbrand das Porzellan vor dem freien Feuer zu schützten, muss jedes Stück in Schamottekapseln eingehaust werden. Die Porzellanwerkstatt der Burg ist eine Art künstlerisches Versuchslaboratorium der Berliner Manufaktur. Im Mai 1930 berichtet die Zeitschrift „Die Form“ über die ersten Resultate der „Arbeitsgemeinschaft, die die Manufaktur mit der Kunstgewerbeschule in Halle gebildet hat. Die keramische Werkstatt dieser Schule, die durch die Bemühungen des Stadtsyndikus Velthuysen einen Brennofen für Porzellan erhalten hat, übt die Funktion eines mitarbeitenden freien Künstlers aus, ja sie kann noch wertvollere Dienste leisten als dieser, weil sie mit der Formung des Modells die technischen Erfordernisse ausprobieren kann“. 3

Nach der Entlassung von Marguerite Fried­laender und Gerhard Marcks endet die Zusammenarbeit der Burg mit der KPM. Im Juni 1936 teilt der von den Nazis eingesetzte Direktor dem „Herrn Stadtschulrat“ mit: „Die Verbindung mit der staatlichen Porzellanmanufaktur in Berlin ist völlig abgerissen“ und „die Herstellung von Porzellanmodellen [hat] für das kunsthandwerkliche Schaffen unserer Schule keine überragende Bedeutung“. 4 Zwei Jahre ­später muss Günther von Pechmann auf Druck der Nationalsozialisten von der Leitung der KPM zurücktreten. 

Nach 1933 wird im Ofen vor allem Steinzeug gebrannt – bis es in Kriegs- und Nachkriegszeiten keine Kohlen mehr gibt. Ohnehin wird jetzt in Elektroöfen gebrannt. Um die einzigartigen brenntechnischen Möglichkeiten und hohen Temperaturen des freien Feuers wieder zu nutzen, nehmen in den 1960er-Jahren die Keramiker Gertraud Möhwald und Gert Lucke den Freifeuerofen wieder in Betrieb. Als Gerd Lucke 1975 die Schule verlässt, fehlt ein mit dieser anspruchsvollen Brenntechnik erfahrener Fachmann. Zwar wird der Ofen später noch einige Male gefeuert, doch er bekommt rasch immer größere Risse und kann deshalb ab Beginn der 1980er-Jahre nicht weiter genutzt werden. 

Der mehr als zwei Meter unter dem Niveau des Burghofes verborgene Rundofen ist das technische Zeugnis der ersten erfolg­reichen Entwurfsarbeit der halleschen Kunstschule für eine industrielle Serienfertigung. Und er erinnert an das Wirken einer heute weltberühmten Keramikerin. An der Burg kennt man ihn bis heute als Friedlaender-Ofen. Man sollte ihn unter Denkmalschutz stellen.

1) Vgl. Schneider 1992, Textband, S. 272–305, insb. S. 290–291.  2) Friedlaender 1989, S. 34–35.  3) Anonym 1930, S. 104.  4) Schiebel 1936.

 

Renate Luckner-Bien, Text aus:

»Wir machen nach Halle. Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks«
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Talstrasse, Halle (Saale)