Lesung aus mit Peer Uwe Teska und Joachim Unger aus Stephan Stolzes "Nachkriegsjahre. Erinnerungen 1945-1955" am Donnerstag, den 21.10.2021 um 19.30 Uhr

Rita Preuss

* 31. Oktober 1924 in Berlin
† 11. Juni 2016 in Berlin

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

Rita Preuss wird 1924 in Berlin-Charlottenburg in ein liberales Elternhaus hineingeboren, das ihren künstlerischen Neigungen positiv gegenübersteht. Von 1940 bis 1945 absolviert sie eine Ausbildung als Technische Zeichnerin bei der Firma Siemens und erhält zur selben Zeit Zeichenunterricht im Atelierhaus des Bildhauers Max Stopp. Nach dem Krieg kann sie endlich das lang ersehnte Studium an der Hochschule für Bildende Künste Berlin beginnen, wo sie Meisterschülerin bei Max Pechstein wird, der sie immer wieder motiviert und ermutigt, ihren Weg zu gehen. Obwohl die gegenständliche Malerei in der Nachkriegszeit immer unpopulärer wird, bleibt sie der figürlichen Malerei treu und positioniert sich in der Berliner Kunstszene mit Stillleben, Landschaften, Berliner Stadtszenen und Porträts, die dem Realismus verpflichtet sind. 1959 schließt sie sich der Künstlergruppe Der Ring an und wendet sie sich verstärkt der angewandten Kunst zu. Sie schafft großformatige Wandbilder, Mosaiken und Glasmalereien für zahlreiche öffentliche und private Gebäude in West-Berlin. 1962 lernt sie den deutlich älteren und gut betuchten Pelzhändler Bruno Wellmann auf einer Autofahrt nach Frankfurt kennen. Für beide endet diese Reise nach einem Autounfall im Krankenhaus, zwei Jahre später heiraten sie. 1985 tritt Preuss in den geschichtsträchtigen Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 ein, wo sie seit 1987 im Vorstand ist und der sie 2011 zur ersten Vorsitzenden wählt. Im Jahr 2000 verleiht die Stadt Berlin Rita Preuss den Hannah-Höch-Preis für ihr Lebenswerk. 2016 stirbt sie im Alter von 91 Jahren in ihrem Charlottenburger Kiez, den sie nie wirklich verlassen hat.

Auf den ersten Blick mag Rita Preuss als eine Malerin der Dinge erscheinen. So komponiert sie prachtvolle Stilleben aus Früchten, Blumen oder Fischen. Sie arrangiert sogar Mobiliar, etwa eine antike Kommode oder einen venezianischen Kronleuchter, bis hin zu ganzen Interieurs und entführt den Betrachter in ihre ganz private Bilderwelt. Gleichzeitig ist sie eine sehr genaue Beobachterin der Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung und hat ein besonderes Gespür für die vielen kleinen und großen Absonderlichkeiten im Alltag, wofür ihr die Großstadt Berlin ausreichend Material bietet. Nicht selten deckt sie gesellschaftliche Missstände auf, die sie auf teils drastischen und mitunter surrealen, meist großformatigen Gemälden festhält. Ein zentrales Thema, das eng mit ihrem eigenen Leben verbunden ist und sie seit ihrer Heirat immer wieder beschäftigt, ist die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft und die damit verbundene innere Zerrissenheit, die sie selbst häufig empfindet. Besonders eindringlich zeigt sie ihren Zwiespalt auf dem dreifachen Selbstportrait Dreimal ich, auf dem sie sich zeitgleich als Dame der gehobenen Gesellschaft, Malerin und Köchin darstellt. Sie schildert hier den Konflikt, alle an sie gestellten Erwartungen gleichwertig und zufriedenstellend erfüllen zu wollen, den Spagat zwischen perfekter Hausfrau und Gastgeberin, fürsorglicher Partnerin und selbstbestimmter Künstlerin zu meistern. Auf dem Selbstporträt mit Pinselkranz [43] von 1993 stellt sie sich mit unzähligen Pinseln auf dem Kopf dar, die wild durcheinander auf einer Haube befestigt sind. Mit skeptischem Gesichtsausdruck gibt sich Preuss hier, sicher nicht ohne eine gewisse Selbstironie, als ziemlich desorientiert zu erkennen. Auf einem anderen Porträt, das ein Jahr später entsteht, zeigt sie sich noch drastischer mit einem Kochtopf auf dem Kopf und einem Petersilienzweig zwischen den nach unten gezogenen Mundwinkeln. Als all diese Portraits entstehen, ist Rita Preuss Ehemann bereits schwer erkrankt und sie pflegt ihn bis zum Tod, was es ihr jahrelang praktisch unmöglich macht, das Haus zu verlassen.

Kerstin Reen