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Sibylle Bergemann

* 29. August 1941 in Berlin
† 1. November 2010 in Margaretenhof bei Gransee

Text aus dem Katalog zur Ausstellung »Die schaffende Galatea. Frauen sehen Frauen«

Sibylle Bergemann ist eine große Bildpoetin der Fotografie, die ab den 1970er Jahren mit ihren Mode- und Reportageaufnahmen Bilder von unbestechlichem Zauber schafft. Sie gilt als eine der Überzeugendsten ihres Faches, als herausragende Vertreterin des fotografischen Essays und genaue Beobachterin verborgener Zusammenhänge. Ihre Sicht auf die Welt, Aufnahmen zwischen Wirklichkeit und Traum, machen sie zu einer einzigartigen Künstlerin. Bergemanns Bilder sind von einer unprätentiös-kritischen Sicht auf die DDR-Lebensrealität geprägt und sind gleichzeitig „phantastische Selbstbehauptungen, […] Visionen einer ­verwunderten Wirklichkeit“ 1.

Bergemanns beruflicher Weg als Fotografin folgt einer inneren Konsequenz. Nach einigen Jahren als Redakteurin bei der Zeitschrift Das Magazin beginnt sie 1966 eine fotografische Lehre bei Arno Fischer, der später zu ihrem Ehemann wird. Seit 1967 arbeitet sie als freiberufliche Fotografin unter anderem für die Wochenzeitung Der Sonntag, die Modezeitschrift Sibylle oder für die Zeitschrift Das Magazin. Neben ihrer Arbeit als Modefotografin entstehen zahlreiche Portraitaufnahmen von Schauspielern und Künstlern sowie eine Reihe von Reportagen und Bilddokumentationen. 1990 ist sie Gründungsmitglied der renommierten Agentur Ostkreuz, die heute zu einer der bedeutendsten Fotoagenturen Deutschlands zählt. Seit 1994 ist sie Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. Von 2001 bis 2004 führt sie mit Arno Fischer die Privatschule Fotografie am Schiffbauerdamm. Ab 2005 doziert sie an der Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung in Berlin-Weißensee. Für GEO, STERN und SPIEGEL unternimmt sie zahlreiche Fotoreportagereisen um die ganze Welt.

„Wenn ich zu einem Thema hundert Bilder mache, von denen das mit der größten Wahrheit unscharf ist, biete ich […] das Unscharfe an.“ – so ­Sibylle Bergemann 1970 in einem Interview für das DDR-Magazin Der Sonntag.2 Achtsam, geduldig, unaufgeregt schafft sie eine besondere Nähe zu ihren Protagonisten. „Viel mehr als eine Fotografin war Bergemann eine Anthropologin, eine Soziologin.“ 3 Mit dem ihr eigenen, unverstellten Blick gelingen lebendige authentische Momente von Frauen mit ihren Kindern. Sei es privat, in der Produktion oder in der Mode – so manche Frau ­vermag sich erst vor ihrer Kamera frei zu entfalten. 

Bergemann hält sich an die Wirklichkeit, hat nichts inszeniert oder ‚frisiert‘ wie es oft genug andern­orts im DDR-Alltag oder in der Fotografie geschah, ganz nach der Maxime der 1967 von ihr und weiteren Fotografenkol­legen gegründeten Gruppe „Direkt“: „Wir zeigten einfach nur, wie es wirklich war.“ 4 Ihr großes fotografisches Können entfaltet sich im ‚Bildererzählen‘ wie in der Serie von Clärchens Ballhaus oder in der berühmten Dokumentation Das Denkmal zur Entstehung des Marx-Engels-Monuments in Berlin. Mit ihren später entstandenen Polaroids und Farbaufnahmen, so zu Wenzel Storch oder zu dem Berliner Theater RambaZamba, setzt sie letztendlich dem Träumen ein Denkmal.

Franziska Schmidt

  • 1) Jutta Voigt, in: Sibylle Bergemann. Fotografien, ex pose verlag, Berlin 1992, S. 73.
  • 2) Sibylle Bergemann, in: Uli Eberhardt, Sibylle Bergemann. Die Polaroids, 25.08.2011, zit. n.: https://fokussiert.com/2011/08/25/sybille-­bergemann-die-polaroids/
  • 3) Rajeev Lohan, zit. n.: https://www.goethe.de/ins/in/de/kul/mag/20843833.html
  • 4) Sibylle Bergemann, zit. n.: Anke Schipp, Zum Tod der Fotografin Sibylle ­Bergemann. Schönheit hinter der Berliner Mauer, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 03.11.2010, siehe: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/zum-tod-der-fotografin-sibylle-bergemann-schoenheiten-hinter-der-berliner-mauer-11066672.html