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Sonja

Walter Gramatté 

1920

 

Liebst du deine Frau? Liebst du sie? Du malst sie als Halterung, als rot-weiß-gestreifte Bluse, als Alte mit grauem Gesicht – malst mit dem Gespenstergesicht sie als deine Gespensterfrau, weil du bei ihr bist?

Du bist bald ein Gespenst, du weißt es, und ihre Augen, so groß und nicht unglücklich, nicht glücklich, sehen drein oder zu. Früher trug sie schwarz auf deinen Bildern, jung und fest, zum Anfassen schön, nun aber sitzt sie in ihrem Alter in der Zukunft, die du nicht mehr erleben wirst. Sie sitzt in der Ferne, in die ihre Augen schauen, milchig, klar, nicht zu greifen, fast aufgelöst. 

Du malst sie. Mit der dreieckigen Frisur, den kurzen Haaren, die die Ohren verdecken, weil du sie – nun, sie ist deine Frau. Sie, die Kleinbusige, nach innen Busige, mit zwei große Knöpfen an der Bluse. Jetzt aber sitzt sie geschlossen da, die Hände im Schoß verschränkt, die Beine übereinandergeschlagen, eine Schleife vor den Kragen gebunden, einen Knoten gemacht. Stark der Kieferknochen rechts, beißt sie so oft die Zähne zusammen, glaubst du: Hat sie Kraft?

Sie ist Pianistin, du malst die Gelenke ihrer Finger rot oder entzündet oder voller Energie, als dächte sie mit den Händen, als sei da das Herz, als sei es gewandert, zersplittert, aber auch ihre Bluse ist rot, rot ihr Sessel, die Wand. 

Und ihre Augen. So milchig und groß, wie schaut sie denn nur? Sieht etwas, was wir, die Betrachter nicht sehen? Du malst deine Frau und dich: Wie sie ist nach deinem Tod, umflogen von Rot und Blau, von Ferne und Nähe, vor einem Balkongitter, verkleidet mit gestreiftem Stoff, und einem Stück Himmel darüber, einem Riss? 

Da sitzt sie, als warte sie, wirkt aber nicht, als stünde sie gleich auf. Du hast ihr das Sehen umgekehrt. 

 

Ulrike Draesner

In: Bizarre Begegnung. Bilder schauen dich an. Porträts aus der Sammlung Brabant. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 11. Juli – 8. November 2009 im Stadtmuseum Penzberg