30. September 2025
Totentanz-Motiv und seine Rezeption im 20. Jahrhundert
Seit dem Spätmittelalter steht das Motiv des Totentanzes für die Gleichheit aller Menschen vor dem Tod – vom Papst bis zum Bettler. Es mahnt zur Vergänglichkeit (memento mori) und entfaltet zugleich eine sozialkritische Kraft, indem es bestehende Hierarchien infrage stellt.
Im „Dritten Reich“ war der Umgang mit diesem Motiv ambivalent. Zwar spielte der Tod im NS-Kult eine zentrale Rolle – etwa im Pathos des „Heldentodes“ oder im Totenkult um Gefallene –, doch die egalisierende Botschaft des Totentanzes widersprach der rassistischen Ideologie. Daher fand sich das Motiv im offiziellen Kunstbetrieb kaum wieder. Stattdessen wurde es von oppositionellen Künstlern kritisch aufgegriffen: Otto Dix verfremdete die Ikonographie des Todes in grotesken Skelett-Soldaten, Hans Grundig thematisierte mit seinem Totentanz von Dresden (1945/46) die Zerstörung und Gewalt des Bombenkriegs.
Nach 1945 erhielt das Motiv neue Aktualität. HAP Grieshaber knüpfte mit seinem monumentalen Totentanz von Basel (1956–65) bewusst an die mittelalterliche Tradition an und verwandelte sie in ein mahnendes Bildprogramm gegen Massenmord und gesellschaftliche Verdrängung. Auch Karl Hofer griff in endzeitlich geprägten Figurenbildern Themen von Tod, Verlust und Vergänglichkeit auf und stellte damit Bezüge zur Totentanz-Tradition her.
So wandelte sich das Motiv im 20. Jahrhundert: Im Nationalsozialismus verdrängt oder ideologisch umgedeutet, wurde es nach Kriegsende zu einem kraftvollen Symbol der Erinnerung und Kritik an Gewalt, Vernichtung und Krieg.